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David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück

Muntere Neu-Inszenierung

In seiner munteren Neuinszenierung des semi-autobiografischen Klassikers regelt Armando Iannucci das Melodrama runter und die Komödie hoch, ohne dass Dickens‘ sozialrevolutionäre Botschaft dabei verloren geht

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Mein Lieblingsdialog in DAVID COPPERFIELD passiert, nachdem der arme David (Dev Patel) schon eine ganze Reihe von Aufs und Abs durchleben musste: Als Kind wächst er in liebevollen Verhältnissen bei seiner geliebten Mutter und der runden, gutmütigen Haushälterin Peggotty (Daisy May Cooper) und ihrer zusammenadoptierten Verwandtschaft auf. Dann kommen harte Zeiten. Davids Mutter heiratet und der böse Stiefvater schickt David nach London, wo er in einer Flaschenfabrik schuften muss und als Untermieter bei Mr. Micawber (Peter Capaldi) und seiner vielköpfigen Familie mitbekommt, wie es ist, von Gläubigern belagert zu werden. Doch das Glück wendet sich, als David zu seiner schrägen Tante Betsey Trotwood (Tilda Swinton) und ihrem noch schrägeren Untermieter Mr. Dick (Hugh Laurie) flieht. Alles scheint nun sonnig zu werden. David findet bei einem Anwalt Arbeit und ist kurz davor, zu heiraten, als die Aktien der Tante zusammenbrechen und der Familie alle Mittel verloren gehen. Der oberböse Uriah Heep (Ben Whishaw), auf dessen Mitleid sie angewiesen sind, zeigt Tante Trotwood, Mr. Dick und David die Londoner Bruchbude, in der sie ab jetzt hausen müssen, und – jetzt kommt’s - bemerkt biestig „Die ist angemessen für jemand in ihren Verhältnissen.“ Worauf Tilda-Trotwood mit unnachahmlicher Würde antwortet: „Ich bin nicht jemand in meinen Verhältnissen“ (I am not someone in my circumstances.).

Dickens in einem Satz zusammengefasst. Ökonomische und biografische Zufälle wie mildtätige Verwandte, reiche Erbtanten oder böse Stiefeltern bestimmen das Schicksal der Figuren wie Naturkatastrophen. Viele werden von ihren Verhältnissen erdrückt, manche werden von ihnen wie von Körperfressern besessen. Aber Dickens‘ Wahlfamilien wehren sich tapfer dagegen, sich von ihrer ökonomischen Situation bestimmen zu lassen. Sie praktizieren Liebe, Humor, Solidarität und Großherzigkeit gegenüber den wirklich sehr zahlreichen Schrullen ihrer Liebsten. Wie Peggotty so schön sagt: „Man muss die lieben, die für einen da sind, und man muss für die da sein, die einen lieben, das ist unser Motto.“ Dass das alles besser geht, wenn man dafür die nötige finanzielle Rückendeckung hat, weiß auch Dickens und schenkt ihnen, natürlich, auch ein finanzielles Happy End.

In seiner munteren Neuinszenierung des semi-autobiografischen Klassikers regelt Armando Iannucci (THE DEATH OF STALIN, IN THE LOOP, Veep, The Thick of it) das Melodrama runter und die Komödie hoch, ohne dass die sozialrevolutionäre Botschaft dabei verloren geht. Das Drehbuch hat Iannucci zusammen seinem langjährigen Ko-Autor, dem Serienveteran Simon Blackwell (Veep, In the Thick of it, Breeders, Peep Show, IN THE LOOP) verfasst, und tatsächlich erinnert die Art, wie DAVID COPPERFIELD virtuos Szenen auflöst, Gesagtes und Gesehenes, Selbstinszenierung und Faktenlage gegeneinander ausspielt, an sehr gute Sitcoms.

Bisweilen wird das etwas episodisch, aber die Personen sind so sympathisch, dass man ihren verschlungenen Wegen gerne folgt. Das ganz große Drama verlagert Iannucci dabei auf die Meta-Ebene. Als Rahmenhandlung dient ein Theaterabend, an dem Copperfield auf der Bühne seinen Werdegang vom Fabrikjungen zum erfolgreichen Schriftsteller erzählt. Auch später durchbrechen Theaterdonner, ein devil ex machina oder eine kurze Stummfilm-Slapstick-Einlage mitten im Film für kurze Momente die Illusion. Dieser Kunstgriff erlaubt Iannucci nicht nur, an den autobiografischen Charakter des Textes zu erinnern, sondern auch, die Rollen ohne Begründung angenehm divers zu besetzen. Wir befinden uns ja, überdeutlich signalisiert, in einer Inszenierung, und so wird Copperfield von Dev Patel gespielt, seine wahre Liebe Agnes von Rosalind Eleazar, ihr Vater Mr. Wickfield von Benedict Wong und die Grande Dame Mrs. Steerforth von Nikki Amuka-Bird. Und siehe da, das geht bestens.

Hendrike Bake

Details

Originaltitel: The Personal History of David Copperfield
Großbritannien 2019, 119 min
Genre: Drama, Komödie, Literaturverfilmung
Regie: Armando Iannucci
Drehbuch: Simon Blackwell, Armando Iannucci
Kamera: Zac Nicholson
Musik: Christopher Willis
Verleih: eOne
Darsteller: Dev Patel, Hugh Laurie, Tilda Swinton, Peter Capaldi
FSK: 6
Kinostart: 24.09.2020

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David Copperfield - Einmal Reichtum und zurück

(The Personal History of David Copperfield) | Großbritannien 2019 | Drama, Komödie, Literaturverfilmung | R: Armando Iannucci | FSK: 6

In seiner munteren Neuinszenierung des semi-autobiografischen Klassikers regelt Armando Iannucci das Melodrama runter und die Komödie hoch, ohne dass Dickens‘ sozialrevolutionäre Botschaft dabei verloren geht

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