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Das Märchen der Märchen

Überbordende Bilder, mörderische Leidenschaften

Drei Burgen, drei Königreiche, drei Geschichten. Mit barocker Wucht hat Matteo Garrone (GOMORRHA) mehrere Geschichten aus der ältesten Märchensammlung der Welt, Il Pentamerone oder Das Märchen der Märchen von Giambattista Basile, verfilmt.

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Drei Burgen, drei Königreiche, drei Geschichten. In der ersten Burg, die weitläufig und pompös ist, die typische Märchenburg schlechthin, sitzt die kalte unglückliche Königin von Longtrellis (Salma Hayek) und wünscht sich sehnlichst ein Kind. In der zweiten, die verwegen ganz an der Spitze eines überhängenden Berges klebt, verbringt der König von Strongcliff (Vincent Cassel) die Tage und Nächte damit, den Dienstmädchen nachzustellen. Man sieht ihn dann – das Piraten-Hemd bis zum Bauchnabel offen – in den Überresten einer Orgie herumwanken und die Gespielinnen anstupsen, in der Hoffnung, eine aufzutreiben, die noch fit genug für Sex ist. Die dritte Burg, gefilmt im Castel del Monte, das schon Vorbild für das Kloster in DER NAME DER ROSE war, ist streng achteckig, ein abweisender monolithischer Block mit einem weiten Überwachungsblick über das umliegende karge Land. Hier wohnen der Eigenbrötlerkönig von Highhill (Toby Jones) und seine verwöhnte Tochter Violet (Bebe Cave), die sich wegwünscht aus den engen Mauern. Der König veranstaltet ein Turnier um ihre Hand, bei dem ein Oger als Sieger hervorgeht.

Mit barocker Wucht hat Matteo Garrone (GOMORRHA) mehrere Geschichten aus der 50 Märchen umfassenden Sammlung Il Pentamerone oder Das Märchen der Märchen von Giambattista Basile verfilmt, die um 1630 entstand, als älteste Märchensammlung der Welt gilt und schon den Brüdern Grimm als Vorbild diente. Die blumige Sprache des Originals – so heißt es dort etwa: “Es kam aber die Jahreszeit, in der die Katzen hitzig werden und die Sonne ihr Vergnügen daran hat, sich am Himmelswidder die Hörner abzustoßen“ oder “Oh hätte mich doch meine Mamma erwürgt, wäre doch die Wiege meine Totenbahre, der Nippel der Amme eine Giftblase, die Windel ein Galgenstrick und das Pfeiffchen, dass sie mir um den Hals band, des Fischer Senkstein gewesen.“ - findet bei Garrone ihre Entsprechung in opulenten, metaphorisch aufgeladenen Bildern. Als die Königin erfährt, dass sie ein Kind bekommen wird, wenn sie das Herz eines Seeungeheuers isst, schickt sie den König in die Tiefe. In einem altmodischen Taucheranzug begibt der sich also hinab auf den Grund des Sees, an dem er durch das runde Guckloch der Taucherglocke ein schlafendes Ungeheuer erblickt. Es bedarf keiner klassischen Bildung um zu verstehen, dass es todesgefährlich ist, an solcherlei Untiere zu rühren. Doch der König greift an. Staub, Wasser und Blut, Verdrängtes und Verborgenes wirbeln auf, Sicht und Halt gehen verloren und die Untiefe fordert ihr Opfer.

Auch in den anderen Geschichten geht es um den Preis, der für die Sehnsucht gezahlt werden muss. Sei es die Sehnsucht einer alten Dienstmagd, die sich die makellose Haut der Jugend zurück wünscht, um noch einmal vom jungen König begehrt zu werden. Oder die Sehnsucht der pausbäckigen Prinzessin nach Freiheit, die sie statt in die Arme eines hübschen Prinzen in die Berghöhle eines Ogers führt, aus der das Ungeheuer erstmal ein paar alte Knochen fegen muss, um Platz für die neue Braut zu schaffen. Der Preis ist hoch und wird von Garrone drastisch illustriert. Erfolg, Freiheit und Liebe sind im MÄRCHEN DER MÄRCHEN ohne Tod, Gewalt und Schmerz nicht zu haben. Der moralische Impetus der Grimmschen Märchen fehlt dagegen völlig. DAS MÄRCHEN DER MÄRCHEN ist kein „cautionary tale“, keine Warnung auf dem geraden Pfad der Tugend und Genügsamkeit zu bleiben, sondern im Gegenteil, eine bildgewaltige, amüsierte und leidenschaftliche Feier der krummen Pfade.

Nicht zuletzt sind es im MÄRCHEN DER MÄRCHEN die Frauen, die für ihr Begehren über Leichen gehen. Allen voran natürlich Salma Hayek. Kerzengerade marschiert sie an den Spalier stehenden Soldaten und am Leichnam ihres Mannes vorbei, ohne sie oder ihn eines Blickes zu würdigen, wickelt das schlagende Herz des Ungeheuers in ein schwarzes Tuch, macht auf dem Absatz kehrt und geht ihren einsamen, manischen Mutterweg.

Hendrike Bake

Details

Originaltitel: Il racconto dei racconti
Frankreich/Italien/Großbritannien 2015, 125 min
Genre: Fantasy, Liebesgeschichte
Regie: Matteo Garrone
Drehbuch: Ugo Chiti, Massimo Gaudioso, Matteo Garrone, Edoardo Albinati
Kamera: Peter Suschitzky
Schnitt: Marco Spoletini
Musik: Alexandre Desplat
Verleih: Concorde Filmverleih
Darsteller: Vincent Cassel, Shirley Henderson, Salma Hayek, Toby Jones, Alba Rohrwacher, John C. Reilly
FSK: 12
Kinostart: 27.08.2015

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