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Das kalte Herz

Mittelalter-Märchen

Neuverfilmung des Hauffschen Märchen um den Köhlerjungen Peter Munk, der sein Herz gegen eines aus Stein vertauscht, um Erfolg in der Welt zu haben.

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Im Märchen von Wilhelm Hauff sehnt sich der Köhlerjunge Peter Munk nach einem besseren Leben. Vom guten Glasmännlein-Waldgeist wünscht er sich, Tanzbodenkönig zu sein, immer so viel Geld in den Taschen zu haben, wie der reiche Etzekiel, und eine Glashütte zu besitzen. Als er durch Dummheit und Unglück seinen Reichtum wieder verliert, wendet er sich an den bösen „Holländer-Michel“ der sein allzu gutmütiges Herz gegen einen Stein vertauscht. Ohne Herz bringt Peter es zu großem Reichtum, aber er wird auch hart, undankbar und böse und richtet sich in seiner Wut sogar gegen seine Liebste Lisbeth.

Schon Paul Verhoevens actiongeladende DEFA Verfilmung dieser Parabel über die menschliche Gier bzw. den Kapitalismus aus dem Jahr 1950 entwarf ein finsteres Weltbild, das mehrere Generationen von Kindern traumatisierte. Weder das wundersame und den Menschen wohlgesonnene Glasmännlein, noch das sonnendurchflutete Happyend konnten darüber hinwegtäuschen, dass in diesem Märchen junge Burschen an die Häscher der Armee verkauft wurden, das Mord, Betrug, Gier und Missgunst die Norm und nicht die Ausnahme waren.
Regisseur Johannes Naber (ZEIT DER KANNIBALEN, DER ALBANER) legt nun noch einen drauf. DAS KALTE HERZ spielt in einer optisch düsteren Mittelalterwelt, die weit entfernt ist von den fröhlichen Trachten, Wimpeln und Wämsern der klassischen Märchen- und Mittelalterfilme. In seinen Sepia-, Grau- und Blautönen erinnert der Film eher an „Game of Thrones“ auch wenn es dann doch weit weniger gewalttätig zugeht. Die Menschen in dieser Welt sind strikt in Stände und Berufe unterteilt und tragen ein kleines Tattoo, das ihre Kaste markiert, auf der Stirn. Ganz oben in der Hierarchie des Hinterwäldlerdorfes stehen der Amtmann und der Bürgermeister, dann kommen die Kaufleute, die Glasbläser, die Holzfäller und ganz unten die Köhlerfamilie Munk. Genial atmosphärisch ist auch Nabers Idee, aus dem Dorftanz, der eine wichtige Rolle im Märchen spielt, eine Art ritualisierten Stepptanz-Schuhplattler zu machen. Ohne Begleitung durch Instrumente treffen sich die Tanz-Konkurrenten auf dem Tanzboden, der auch ein Boxring sein könnte, und stampfen sich, umringt vom Rest des Dorfes, in immer wildere Rhythmen hinein.

Anders als Verhoeven setzt Naber weniger auf Action und Special Effects als vielmehr auf eine glaubhafte psychologische Entwicklung. Am Anfang ist Peter ein ziemlich schüchterner, liebevoller und netter Junge. Einmal begegnet er einem Trupp Holzfäller, die ihn mit den Worten „Wenn der Holzfäller kommt, geht der Köhler zur Seite“ mitsamt seinem Kohlenwagen von der Brücke drängen. Er sind mehr diese Erniedrigungen als die Sehnsucht nach Geld, die ihn zum Glasmännlein treiben. Auch dass Lisbeth sich, umgeben von Krämern und Herzlosen, ausgerechnet in den Köhlerjungen verliebt, ist nachvollziehbar. Doch dann läuft alles schief, Peter verkauft sein Herz und geht in die Fremde. Zurück kommt er als eine Mischung aus Mephistopheles und Napoleon. Gewieft, rücksichtslos und gewohnt, sich alles zu nehmen, was er will – und ausgerechnet Lisbeth verweigert sich ihm. Es kommt zum Eklat und aus dem Chaos entsteigt Peter Nummer Drei: ein echter Held, selbstsicher dabei demütig, seiner Familie zugetan und mit einem Weg vor Augen.

Frederick Lau als Peter Munk spielt im Prinzip drei Rollen, so extrem ist die Wandlung, die der Köhlerjunge durchmacht. Er macht das bravourös, bis in den Blick hinein, der erst warm und sehnsüchtig ist, dann kalt und verschlagen, und schließlich klar und strahlend. Aber auch die anderen Figuren sind dreidimensional angelegt und nuancenreich gespielt, nur Milan Peschel als das für die relativ schlichte Botschaft der Geschichte zuständige Glasmännlein und der extrovertiert chargierende Moritz Bleibtreu als Holländer-Michel fallen etwas aus dem Rahmen.

Hendrike Bake

Details

Deutschland 2016, 119 min
Genre: Drama, Literaturverfilmung, Märchenfilm
Regie: Johannes Naber
Drehbuch: Johannes Naber, Andreas Marschall, Steffen Reuter, Christian Zipperle
Kamera: Pascal Schmit
Schnitt: Ben von Grafenstein
Musik: Oli Biehler
Verleih: Weltkino Filmverleih
Darsteller: Moritz Bleibtreu, Milan Peschel, Frederick Lau, Henriette Confurius, David Schütter
FSK: 12
Kinostart: 20.10.2016

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