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In meinem Kopf ein Universum

Ich bin kein Gemüse!

Als der schwer behinderte Mateus ungefähr sieben Jahre alt ist, diagnostiziert die Ärztin: „Ihr Sohn ist wie ein Gemüse“. Das stimmt nicht. Im Kopf ist Mateus so klar wie seine Eltern, die Nachbarn und die Ärzte, die über ihn befinden, aber er hat nicht die geringste Möglichkeit, sich verständlich zu machen.

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Der internationale Titel von IN MEINEM KOPF EIN UNIVERSUM lautet LIFE FEELS GOOD. Dass das Leben für Mateus oder seine Eltern besonders schön ist, würde man erstmal nicht vermuten, wenn man ihn sieht. Der Junge, der an einer zerebralen Bewegungsstörung leidet, ist schwer behindert. Mateus Körper ist wie in sich verkantet. Er kann nicht sprechen und nichts greifen und sich nur in ruckhaften, kaum koordinierten Bewegungen fortbewegen, indem er über den Fußboden rutscht. Als er ungefähr sieben Jahre alt ist, diagnostizieren die Mediziner auch eine geistige Behinderung. „Ihr Sohn ist wie ein Gemüse“, sagt die Ärztin. Mateus und die Zuschauer, die an Mateus‘ Innenleben über einen Off-Kommentar teilhaben, wissen es besser. Mateus macht sich Gedanken, was sein Vater wohl arbeitet, betrachtet die Sterne und entwickelt in der Pubertät ein Rating-System für Frauenbrüste. Im Kopf ist Mateus so klar wie seine Eltern, die Nachbarn und die Ärzte, die über ihn befinden, aber er hat nicht die geringste Möglichkeit, sich verständlich zu machen.
Im Lauf seines Lebens begegnet Mateus wiederholt einfühlsamen Menschen, die ahnen, dass er seine Umgebung mit wachen Augen wahrnimmt. Seine Vorgartenfreundin Anka gehört dazu und seine Eltern. Sie reden und scherzen mit ihm, wie mit seinen Geschwistern. Einmal zeigt der Vater ihm, wie ein Mann mit der Faust auf den Tisch haut, ein anderes Mal veranstaltet die Familie ein Wettrutschen auf dem Wohnzimmerfußboden. Aber eines Tages ist die Kindheit zu Ende. Anka ist weggezogen und die älter werdende Mutter schafft die Pflege des Sohnes nicht mehr. Mateus kommt ins Heim. Dort ist er nur noch einer unter vielen. Wie speziell und anders er ist, bemerkt keiner. Dass er einen eigenen Kopf und einen eigenen Willen hat, darüber macht sich niemand Gedanken – bis eines Tages eine Sprachtherapeutin in der Klink auftaucht. Sie ermöglicht es Mateus, sich mit Hilfe eines Zeichensystems zu verständigen. Nach 26 langen Jahren kann Mateus der Welt zum ersten Mal mitteilen, was er denkt.
EIN MEINEM KOPF EIN UNIVERSUM, der von einer wahren Geschichte inspiriert wurde, ist angenehm zurückhaltend, fast schon kühl inszeniert. Die Kamera hält vorsichtig Abstand und lässt den Personen Raum, Musik ist sparsam eingesetzt und die Szenen im Heim sind in einer realen Institution gedreht. Auch Mateus selbst ist ein eher lakonischer Beobachter, der meist das Positive einer Situation sieht. So ärgert er sich zwar, wenn er von der verständnislosen Pflegerin im Liegen gefüttert wird, aber wenn die Schwester ein schönes Dekolleté hat, das dabei gut zur Geltung kommt, ist das auch ganz schön. Die Zurückhaltung gibt dem Zuschauer Gelegenheit, sich selbst im eigenen Tempo in Mateus‘ Situation hinein zu fühlen, die einerseits natürlich sehr speziell ist, andererseits aber auch sehr grundsätzlich menschlich.
Anders als in vielen Filmen über Menschen mit Behinderung geht es in IN MEINEM KOPF EIN UNIVERSUM nicht darum, dass Mateus ein „normales“ Leben führen könnte, oder das er trotz seiner Behinderung außergewöhnliche sportliche oder künstlerische Leistungen vollbringen und damit ein vollwertiges Mitglied der Leistungsgesellschaft sein kann. Es geht schlicht darum, dass sich jemand verständigen möchte und das nicht kann. Mateus Problem ist, wie durch ein Vergrößerungsglas betrachtet, ein Problem menschlicher Kommunikation, das jeder schon erlebt hat. Um sich als Teil der Welt zu fühlen, ist es notwendig, wahrgenommen zu werden und eine Wirkung zu haben. Sprechen (oder schreiben, malen, zeigen) zu können, ist ein mächtiger Zauber und zu erleben, dass das Ausgesprochene die Welt verändert, ist ein Wunder.

Hendrike Bake

Details

Originaltitel: Chce sie zyc
Polen 2013, 112 min
Genre: Drama
Regie: Maciej Pieprzyca
Drehbuch: Maciej Pieprzyca
Kamera: Paweł Dyllus
Schnitt: Krzysztof Szpetmanski
Musik: Bartosz Chajdecki
Verleih: MFA+ FilmDistribution
Darsteller: Dorata Kolak, Arkadiusz Jakubik, Dawid Ogrodnik, Helena Sujecka, Mikołaj Roznerski
FSK: 6
Kinostart: 09.04.2015

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