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Can You Ever Forgive Me?

Raue Schale, kein goldener Kern

Aus Geldmangel beginnt die erfolglose Journalistin Lee Israel, Briefe von Prominenten zu fälschen, und entdeckt dabei, dass sie eine echte Begabung dafür hat. Melissa McCarthy spielt die ungehobelte Außenseiterin mit Verve.

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In CAN YOU EVER FORGIVE ME? spielt Melissa McCarthy (BRAUTALARM, TAFFE MÄDELS) die Schriftstellerin Lee Israel, die in den 90er Jahren über 400 Briefe von Schriftsteller*innen wie Dorothy Parker, Noël Coward oder Lillian Hellman fälschte, vom FBI überführt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde und über diese Eskapade ihres Lebens ihr erfolgreichstes Buch schrieb, das dem Film zugrunde liegt.

Lee Israel ist keine sympathische Frau. Sie ist einzelgängerisch und abweisend. In ihrer Wohnung liegen Müll und tote Fliegen herum. Ihre Topffrisur und die alten braunen Pullunder wirken, als hätte Lee jeden Versuch, glamourös oder auch nur frisch gewaschen auszusehen, lange aufgegeben - wenn sie ihn denn je unternommen hat. Noch geht sie als „normal“ durch, aber der Weg zu „verwahrlost“ scheint nicht weit. Lee ist klug und sie ist schlagfertig, allerdings nicht auf die Art, mit der man das Herz jeder Party wird, sondern auf die, mit der man selbst gute Freunde irgendwann verprellt. Ihr bester Freund ist denn auch ihre alte Katze.

Israel hat als Journalistin gearbeitet und Biografien über Tallulah Bankhead, Dorothy Kilgallen und Estée Lauder geschrieben, eine davon ist sogar auf der Times Bestsellerliste gelandet, das ist aber bereits eine Weile her. Ihr nächstes Projekt soll eine Biografie über die Komikerin Fanny Brice werden. Aber ihre Verlegerin winkt müde ab. Interessiert keinen. Als Lee bei der Verlagsparty ausfällig wird, bekommt sie zu hören, dass sie sich diese Pampigkeit nicht leisten kann: "Wenn du irgendwann berühmt bist, dann kannst du dich wie ein Arschloch benehmen." Männlich zu sein würden auch helfen. Das sagt die Verlegerin nicht, aber es wird auch so deutlich. Für kluge, grantige, schlecht angezogene, alkoholkranke und nicht besonders gut aussehende Männer gab es mindestens in den 90ern noch einen Platz im Kulturbetrieb. Für ähnlich veranlagte Frauen, noch dazu lesbische mit Katze, eher nicht.

Das Tolle an Lee und an CAN YOU EVER FORGIVE ME? ist, das Lee pampig bleibt. Obwohl sie es sich nicht leisten kann. Sicher auch, weil sie gar nicht anders kann. Mit der Furchtlosigkeit, mit der Melissa McCarthy in ihren Komödien keiner Peinlichkeit aus dem Weg geht, spielt sie Lee mit Ecken und Kanten und ohne den geringsten Versuch, sie liebenswerter oder hübscher oder weniger neurotisch oder weniger einsam zu machen. Es gibt eine Entwicklung, aber sie besteht erfreulicherweise nicht darin, dass Lee unter der rauen Schale auf einmal ein goldenes Herz entdeckt.

Lee entdeckt zunächst vor allem, dass sie dringend Geld braucht. Die Miete ist im Rückstand und die Katze krank, aber die Tierärztin verlangt, dass vor der Behandlung die Schulden beglichen werden. Also bringt Lee schweren Herzens Bücher und einen handsignierten Brief von Fanny Brice ins Antiquariat. Der bringt erstaunlich wenig Geld. "Es ist schade, dass er so langweilig ist ", sagt die junge Verkäuferin. Mehr Witz würde mehr Geld bringen. Wieder zuhause nimmt Lee den Brief und tippt kurzentschlossen ein originelles PS darunter. Der ersten Fälschung folgen weitere, und Lee entdeckt dass sie für die Form eine echte Begabung hat. Letztendlich findet sie über die Fälschungen zu einem Schreiben, das ihr Freude macht.

CAN YOU EVER FORGIVE ME? verfolgt Lees Fälscherkarriere, in die sie bald auch ihren Trinkerkumpel Jack, einen abgehalfterten Dandy ohne festen Wohnsitz, einbindet. Lee fälscht mit zunehmender Professionalität, und geht irgendwann dazu über, Originaldokumente zu klauen. Jack nutzt seinen zweifelhaften Charme, um die Ware an Antiquitäter und bibliografische Händler zu verticken, bis irgendwann irgendjemand stutzig wird und das FBI einschaltet. Das Zweittollste an CAN YOU EVER FORGIVE ME? ist Richard E. Grant, der seinem Jack die Würde eines besoffenen Kapitäns verleiht, dessen Schiff im Untergang begriffen ist. Zusammen sind Lee und Jack eins der besten „odd couple“, das man seit langem im Kino gesehen hat.

Hendrike Bake

Details

USA 2018, 106 min
Genre: Biografie, Komödie, Drama
Regie: Marielle Heller
Drehbuch: Nicole Holofcener, Jeff Whitty
Kamera: Brandon Trost
Schnitt: Anne McCabe
Musik: Nate Heller
Verleih: Twentieth Century Fox
Darsteller: Melissa McCarthy, Julie Ann Emery, Joanna Adler, Richard E. Grant
FSK: oA
Kinostart: 21.02.2019

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