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Blue Ruin

Brillanter Noir-Thriller

Dwight (Macon Blair) schläft in einem Autowrack am Strand sammelt leere Pfandflaschen. Er hat einen leeren und ängstlichen, aufmerksamen und illusionslosen Blick. Wenn es dunkel wird, kleidet er sich etwas solider und durchwühlt die Mülltüten an der Promenade nach weggeworfenen Lebensmitteln. Als der Mörder seiner Familie aus dem Gefängnis entlassen wird, hat er wieder ein Ziel im Leben.

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Ein Fernseher läuft, ein paar Kekse stehen auf dem Tisch, ein Schild in der Küche fordert „Relax“. In der Badewanne sitzt ein Mann, der sich plötzlich anspannt, aufrichtet und auf Geräusche horcht. Die Hauseigentümer kehren zurück. Noch bevor sie die Haustür öffnen, stößt der bärtige, tätowierte nackte Mann das Fliegengitter auf und springt mit seinen Klamotten in der Hand aus dem Fenster. Dwight (Macon Blair) schläft in einem Autowrack am Strand und sammelt leere Pfandflaschen. Er hat einen leeren und ängstlichen, aufmerksamen und illusionslosen Blick. Wenn es dunkel wird, kleidet er sich etwas solider und durchwühlt die Mülltüten an der Promenade nach weggeworfenen Lebensmitteln und anderem Brauchbaren. Die Kamera folgt seinen Routinen und zeigt, dass sein Leben am Rand der Gesellschaft schon ein halber Thriller ist: sich verstecken und auf Beutejagd gehen, unsichtbar bleiben, überleben. Morgens hält ein Polizeiwagen neben seinem Auto. Eine kräftige Polizistin fordert ihn auf, mit aufs Revier zu kommen.
Die reine, konzentrierte Abfolge von Handlungen am Anfang des grandiosen Noir-Thrillers BLUE RUIN erinnert an die großen Gangsterfilme von Jean-Pierre Melville (DER SAMURAI, VIER IM ROTEN KREIS). Systematische Aktionen, die alle einem bestimmten Zweck dienen. Hier muss nicht lange geredet werden, um einen Charakter zu erklären, alles liegt in den Handlungen, den Rest erledigt Macon Williams mit seinen Blicken und seiner Körpersprache, die von Trauer und Erniedrigung erzählt. Ein Verbrecher ist entlassen worden, die Polizistin wollte nur nicht, dass Dwight allein ist, wenn er es erfährt. Dwights Leben ist gefährlich geworden, aber bis er das erste Mal ein Wort sagt, wird schon eine halbe Stunde Film vergangen sein.
BLUE RUIN gehört zu einer neuen Generation von Independent-Genrefilmen, die klassische Genreelemente mit einem neuen realistischen Stil verbinden, der seine Vorfahren eher im europäischen Film hat, vor allem im „kitchen sink“-Stil englischer Filme der 60er Jahre mit ihren Arbeiter- und Kleinbürgermilieus und wütenden Dramen in engen, muffigen Wohnungen. Horrorfilme wie THE PACT oder ENTRANCE, Thriller wie RED, WHITE AND BLUE und Science-Fiction-Filme wie UNDER THE SKIN liegen auf dieser Linie, die im Begriff ist, den unbefriedigenden Trend des Neo-Grindhouse abzulösen. Hier geht es wieder um ernstgemeinte Figuren, die mit kleinen Gesten charakterisiert werden. Dwights Leben als Obdachloser hat ihn etwa dazu gebracht, seine Autoschlüssel an einer Kette um den Hals zu tragen. Natürlich wird das Detail auch für den Spannungsaufbau eine Rolle spielen, und BLUE RUIN ist verdammt spannend.
Die größte Entdeckung in BLUE RUIN aber ist Macon Blair, der Dwight als einen unwahrscheinlichen Helden spielt, einen dieser Männer, die irgendwann vom Zigarettenholen nicht zurückgekommen sind und jetzt kaum noch ein Leben haben, zu dem sie zurückkehren können. Dwight nimmt sein Leben, alles was ihm zugestoßen ist, alles was er tut und glaubt tun zu müssen, als eine Schicksalsmechanik wahr, in der seine Existenz abgeschlossen ist. „I´m in this thing“, sagt er achselzuckend. Beinahe wie ein klassischer Held, aber einer, der weiß, dass klassische Helden schon lange tot sind und nur zum Sterben geboren werden. Er übergibt sich kurz darauf am Straßenrand. „Ich brauche nur einen Ort, wo ich einen Moment lang ausruhen kann“, sagt Dwight irgendwann zu einem alten Freund, der ihn ansieht, als meinte er damit einen Platz zum Sterben. Der Noir-Film ist zurück, eine traurige, blaue Ruine.

Tom Dorow

Details

USA 2013, 90 min
Sprache: Englisch
Genre: Thriller
Regie: Jeremy Saulnier
Drehbuch: Jeremy Saulnier
Kamera: Jeremy Saulnier
Schnitt: Julia Bloch
Musik: Brooke Blair, Will Blair
Verleih: Falcom Media
Darsteller: Macon Blair, Amy Hargreaves, Kevin Kolack, Eve Plumb, David W. Thompson, Brent Werzner, Stacy Rock, Sidné Anderson
FSK: 16
Kinostart: 11.12.2014

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