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BlacKKKlansman

Undercover im Rassismus

BLACKKKLANSMAN erzählt die (wahre) Geschichte des Schwarzen Polizei-Detektivs Ron Stallworth, der sich in den 70er Jahren am Telefon als weißer Rassist auftrat und bis in den innersten Kreis des KuKluxKlan vordrang.

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BLACKKKLANSMAN ist Spike Lees bester und wütendster Film seit langem. Lee gelingt das Kunststück, einen komischen und spannenden Thriller über die wahre Geschichte des Schwarzen Polizeikommissars Ron Stallworth zu drehen, der sich in den 70er Jahren am Telefon als weißer Rassist ausgab und bis in den innersten Kreis des KuKluxKlan vordrang, und damit zugleich ein Lehrstück sowohl über die gespenstische Kontinuität rassistischer Motive im Film und in der Lebenswirklichkeit als auch über die Geschichte des Widerstands, von der Black Power-Bewegung bis zu „Black Lives Matter“, zu inszenieren.

In den siebziger Jahren verpflichteten die als „Affirmative Action“ zusammengefassten Gleichstellungsgesetze auch das Polizeidepartment in der hauptsächlich weiß und evangelikal geprägten kleinen Universitätsstadt Colorado Springs, Schwarze für den höheren Polizeidienst einzustellen, für die „Detective“-Laufbahn. Schon bei seinem Bewerbungsgespräch werden Ron Stallworth (John David Washington) erniedrigende Fragen gestellt, die sicher kein Weißer beantworten müsste: Drogen? Single? Viel Sex? Sex mit Weißen? Politik? Zunächst wird Ron ins Archiv abgeschoben, und als er schließlich verlangt, endlich an einer Ermittlung beteiligt zu werden, ist sein erster Auftrag eine Undercover-Ermittlung bei einer Rede des Black Power/Black Panther Party-Aktivisten Kwame Ture aka Stokely Carmichael, wo Ron nach subversiven Elementen suchen soll. Bei der Veranstaltung gerät Ron nicht nur in moralischen Zwiespalt, denn Kwame Tures Rede bewegt ihn sichtlich, er verliebt sich auch in die studentische Aktivistin Patrice.

Das verschärft Rons inneren Konflikt, denn Patrice, mit Angela-Davis-Gedächtnis-Frisur, nennt Polizisten nur, wie in der Studentenbewegung üblich, „Pigs“, und Schwarze Pigs, die sich gegen ihre eigenen Leute wenden, sind natürlich die übelsten Pigs von allen. Ron murmelt etwas, das an die Argumentation vom „Marsch durch die Institutionen“ erinnert, man müsse das System von innen verändern usw., aber das Gespräch nagt an ihm. Es nagt so lange, bis er am Telefon auf eine Zeitungsannonce des KuKluxKlans antwortet und den Chef des lokalen Ablegers an der Strippe hat. Er spielt den weißen Rassisten so überzeugend, dass er sofort in die konspirativen Ränge des Klans aufgenommen wird.

Es gelingt Ron sogar, den rassistischen Polizeichef davon zu überzeugen, dass es Sinn macht, die KKK-Gruppe zu überwachen. Sein jüdischer Kollege Flip Zimmerman (Adam Driver) übernimmt Rons Rolle bei realen Begegnungen mit den Rassisten, während Ron am Telefon bis zu David Duke (Topher Grace), dem „Grand Wizzard“ des KKK durchdringt, der ihm unter anderem erklärt, er könne Schwarze jederzeit an der Stimme erkennen. Flip hatte sich nie als Jude verstanden, bis er den KKK-Spinnern gegenübersteht, die sehen wollen, ob er beschnitten ist, und ihn an einen Lügendetektor anschließen wollen. Ein Schwarzer Polizist, der als weißer Rassist durchgeht, ein weißer Polizist, der sich erst durch die rassistische Bedrohung als Jude zu verstehen beginnt. Lee greift in dieser Szene eine Vielzahl historischer und aktueller Debatten in der Black Community auf, und verhandelt nebenbei noch den ansteigenden Antisemitismus, der aktuell nicht nur aus der Ecke der weißen Rassisten kommt. Flips Selbstidentifikation als Weißer ist auch ein Echo des „Passing for white“, als Weißer durchgehen, ein ewiges Thema für Hollywood, etwa in Douglas Sirks IMITATION OF LIFE, wo die Tochter der Schwarzen Haushälterin als Weiße durchzugehen versucht, und ihre Schwarze Mutter verleugnet. Die Debatte um „Colorism“, etwa bei der Besetzung hellhäutigerer Schauspieler in positiv besetzten Rollen, während dunkelhäutigere die Drogensüchtigen und Unterprivilegierten spielen müssen (etwa im 2010 Oscar-nominierten PRECIOUS), ist ein aktuelles Echo dieser Szenarien. Es geht Lee aber auch um die Wertewende, die durch die Black Power-Bewegung in den siebziger Jahren herbeigeführt wurde. Kwame Ture, Black Power Aktivist und Mitbegründer der Black Panther Party, spricht in seinem Vortrag darüber, wie er sich als Kind mit Tarzan identifizierte, bis er bemerkte, dass er den Weißen anfeuerte, Schwarze zu töten. Die Identifikation mit dem von der weißen Mehrheitsgesellschaft negierten Teil der eigenen Identität schließt den Versuch des „Passing“ aus. Black Power zeigt Lee als Reaktion auf die „White Power“-Parolen Hollywoods und des Klans.

Spike Lee rahmt und ergänzt die Geschichte mit Film- und Medienzitaten. Er lässt seinen Film mit einer Szene aus GONE WITH THE WIND (1939) beginnen, in der Scarlett O’Hara ihren Geliebten unter den Verwundeten Südstaaten-Soldaten des Bürgerkriegs sucht – einer Urszene des rassistischen Opfermythos und ein Lieblingsfilm von Joseph Goebbels, der daraufhin die Entwicklung von Agfacolor vorantrieb: Rassistische Mythenproduktion war Kriegsmittel. Danach tritt Alec Baldwin als ultrarassistischer TV-Agitator gegen die Integration von Schulen und Universitäten in den 60er Jahren auf, während hinter ihm Bilder von rassistischen Demonstrationen und Anschlägen zu sehen sind. Dass Baldwin auch einer der bekanntesten Trump-Parodisten der USA ist, verweist auf die immer gleichen Motive des Rassismus: in den 60er Jahren, in Trumps Reden über mexikanische Immigranten oder bei unseren deutschen Rassisten. Höhepunkt von BLACKKKLANSMAN ist eine Vorführung von D.W. Griffiths rassistischem Hetzfilm BIRTH OF A NATION (1915), parallel dazu hält Harry Belafonte als alter Aktivist einen Vortrag über den Lynchmord an einem jungen Mann im Jahr 1916, begangen von einem durch BIRTH OF A NATION angestachelten Mob. Auch das Ende des Films ist ein Verweis auf die Gegenwart: Es sind Bilder der Demonstration in Charlottesville, bei der ein Rassist sein Auto in die Menge steuerte, David Duke sich und die seinen als Opfer stilisierte, und Donald Trump von „guten Menschen auf beiden Seiten“ sprach.

Die präzisen Dialoge und Gegenüberstellungen in BLACKKKLANSMAN sind selbstverständlich und lebensnah, transportieren aber immer noch einen Bedeutungsüberschuss. Lees Collagen, die nicht zuletzt perfekte Beispiele für Brechts Verfremdungseffekte und Eisensteins politische Montage sind, wirken aufregend und aufrührerisch wie ein wilder Jazz-Mix. Debatten innerhalb der Schwarzen Community, Montagen von Filmen, Fernsehausschnitte, Fotos, Filmplakate, Vorträge – Lee integriert das alles so in den mitreißenden Plot, dass der Überschuss an Wut, Information und Agit-Prop den Film aufregender macht, als es die irrwitzige Geschichte ohnehin schon ist.

Der echte Ron Stallworth wurde in den 80er Jahren übrigens zum Polizei-Spezialisten für Gangster-Hip Hop, angeregt durch weiße Mormonen-Jungs, die sich im ultrakonservativen Utah mit Crips- und Bloods-Gangzeichen in Pose setzten.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: BlacKkKlansman
USA 2018, 136 min
Genre: Biografie, Krimi, Drama
Regie: Spike Lee
Drehbuch: Spike Lee, David Rabinowitz, Charlie Wachtel, Kevin Willmott
Schnitt: Barry Alexander Brown
Musik: Terence Blanchard
Verleih: Universal Pictures International
Darsteller: John David Washington, Adam Driver, Topher Grace, Ryan Eggold
FSK: 12
Kinostart: 23.08.2018

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