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Birdman oder (die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

Ironische Plansequenz

BIRDMAN erzählt auf sehr komische Weise die Tragödie des Schauspielers, Riggan Thomson (Michael Keaton), der vor 20 Jahren als Superheld BIRDMAN in wegweisenden Comicverfilmungen ein Star war und der jetzt, mit über 60, versucht mit einer wegweisenden Inszenierung von Raymond Carvers „What We Talk About When We Talk About Love“ etwas Neues zu schaffen.

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BIRDMAN erzählt die Tragödie eines Schauspielers, dessen Leben und Karriere ganz unten waren, auf sehr komische Weise. BIRDMAN erzählt die Komödie um einen Schauspieler, dessen Leben und Karriere ganz unten waren, sehr dramatisch.
Dabei konnte Alejandro Gonzàlez Iñárritu einen Coup landen: Die Hauptrolle spielt Michael Keaton, ein Schauspieler, dessen Leben und Karriere ganz unten waren. Keaton, der BATMAN aus Tim Burtons wegweisenden Comicverfilmungen, spielt Riggan Thomson, der vor 20 Jahren als Superheld BIRDMAN in wegweisenden Comicverfilmungen ein Star war. Und der jetzt, mit über 60, nochmal versucht, etwas Neues zu schaffen, sich von den Zwängen der Vergangenheit zu befreien, bedeutende Kunst zu kreieren, um damit so etwas wie Zufriedenheit in sein Leben zu bringen: Der frühere Blockbuster-Star, der zwischendurch nichts mehr war, will sich neu erfinden am Broadway mit einer wegweisenden Inszenierung von Raymond Carvers „What We Talk About When We Talk About Love“, das er adaptiert hat, bei dem er Regie führt, in dem er selbst auftritt – ein kraftvolles, energisches Stück, das da über die Bühne geht, und das kurz vor der Premiere noch überhaupt nicht so läuft, wie Thomson sich das vorstellt. Weshalb es eine glückliche Fügung ist, dass einer der Theaterschauspieler verunglückt und durch den gehypten Bühnenstar Mike Shiner ersetzt wird – der wird ein volles Haus garantieren.
Edward Norton spielt Shiner, einen unbedingten Verfechter der Wahrhaftigkeit – auf der Bühne, freilich nicht im Leben. Er wird zu einer Art Gegenspieler von Thomson, die beide doch voneinander abhängen, weil der Erfolg, weil die Kunst von ihnen beiden abhängt. Ihre nahezu unheimliche Präsenz als Schauspieler bringen sie in ihre Rollen als Theaterdarsteller ein – und fügen sich dabei ein in eine ohnehin grandiose Besetzung: Auch Naomi Watts, Andrea Riseborough, Emma Stone, Amy Ryan und – gar nicht albern – Zach Galifianakis spielen wahnsinnig stark.
Dass sich die Energie der Darsteller unmittelbar auf den Zuschauer überträgt, liegt auch an einem formalen Clou: Iñárritu, der von 21 GRAMM oder BABEL her eher als Erzähler episodische Geschichten in mitunter achronologischer Verschachtelung bekannt ist, inszeniert BIRDMAN als eine einzige, 120 Minuten dauernde scheinbare Plansequenz. Die Kamera von Emmanuel Lubezki schleicht durch die labyrinthischen Backstage-Bereiche von einer Szene zur anderen ohne Übergang durch (sichtbaren) Schnitt in einem einzigen, langen Fluss. Dabei überspringt der Film trotz der Kontinuität der Bilder die Zeit. Fast unmerklich gleitend vergehen innerhalb der zwei Stunden fortlaufender Erzählzeit mehrere Tage – ein unmögliches Paradox, eine vollkommen filmische Form, die zugleich auf die Welt des Theaters verweist, in der auf derselben Bühne, in denselben Kulissen, nach kurzem, unmerklichem Umbau auch große Zeitsprünge vorgenommen werden.
In diesem Flow, mit diesen Darstellern, erschafft Iñárritu einen sehr zugänglichen Film voll Witz und Ironie, der zugleich eine sehr komplexe Reflexion über Wahrhaftigkeit im Rahmen einer Theater-im-Film-Geschichte ist: Während auf der Bühne für das Publikum Abend für Abend dieselben Momente der „Wahrheit“ hergestellt werden müssen, werden hinter der Bühne Intrigen gesponnen, etwa wenn Mike Shiner auf der Bühne zunächst echten Gin, dann echten Sex verlangt, der Wahrhaftigkeit wegen, und hintenrum perfide an seiner Karriere bastelt. Oder wenn Riggan Thomson, wenn er alleine ist, im Dialog mit seinem Alter Ego Birdman tatsächlich Superkräfte entwickelt, mit der Kraft seiner Gedanken Zimmer verwüstet und die Schwerkraft überwindet.
Die Scheinhaftigkeit der Wahrhaftigkeit exerziert Iñárritu auch in ironischen Brüchen der Filmrealität durch, mit abgeschmackten Klischees, kitschigen Dialogen und erfundenen emotionalen Backstories, plakativ ausgestellt als parodistisches Element. Und der Percussion-Soundtrack zum Film wird in der Teeküche des Theaters eingespielt, wo man den Schlagzeuger herumtrommeln sieht.

Harald Mühlbeyer

Details

Originaltitel: Birdman or the Unexpected Virtue of Ignorance
USA 2014, 119 min
Genre: Drama, Komödie
Regie: Alejandro González Iñárritu
Drehbuch: Alejandro González Iñárritu, Armando Bo, Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris
Kamera: Emmanuel Lubezki
Schnitt: Stephen Mirrione, Douglas Crise
Musik: Antonio Sanchez
Verleih: Twentieth Century Fox
Darsteller: Naomi Watts, Michael Keaton, Edward Norton, Emma Stone, Amy Ryan, Zach Galifianakis, Andrea Riseborough
FSK: 12
Kinostart: 29.01.2015

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