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Ich bin dein Mensch

Flirt-Algorithmus

In einer Zukunft, die exakt wie ein Beziehungsdrama-Film der Gegenwart aussieht, soll die Historikerin Alma (Maren Eggert) testweise drei Wochen mit dem Roboter Tom (Dan Stevens) verbringen, der mithilfe statistischer Daten von Millionen Frauen und Almas persönlichen „Mindfiles“ als ihr idealer Partner programmiert wurde.

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Berlinale Wettbewerb 2021: Spätestens seit Fritz Langs METROPOLIS gehören humanoide Roboter zum filmischen Kanon. Während sie lange vor allem als Bedrohung vorkamen, immer auf dem Sprung, die Menschheit zu unterwandern und die Weltherrschaft zu übernehmen, gibt es in jüngster Zeit immer mehr Filme, die das Thema softer, alltäglicher angehen. Das war zum Beispiel in Spike Jonzes zartrosa Elegie HER der Fall, in dem sich Joaquin Phoenix in die Stimme von Scarlett Johansson verliebt, die ihm als virtuelle Assistentin seines Computer-Betriebssystems zur Seit steht. In der schwedischen Serie „Real Humans“ sind Androide unterschiedlicher Komplexität längst als Haushaltshilfen und Geliebte im Alltag Realität. Während die Menschen sich immer mehr auf sie verlassen, beginnen einzelne der „Hubots“, sich von ihren Erfinder*innen abzunabeln und auf eigenen Füßen zu stehen.

Auch Maria Schrader interessieren vor allem die subtilen Veränderungen des Alltags, die die immer weitergehende Präsenz von KI (Künstlicher Intelligenz) verursacht. In einer Zukunft, die exakt wie ein Beziehungsdrama-Film der Gegenwart aussieht, soll die Historikerin Alma (Maren Eggert) testweise drei Wochen mit dem Roboter Tom (Dan Stevens) verbringen, der mithilfe statistischer Daten von Millionen Frauen und Almas persönlichen „Mindfiles“ als ihr idealer Partner programmiert wurde. Ihr Bericht wird der Ethik-Kommission bei der Entscheidung helfen, ob Partnerschaften von Menschen und Roboter*innen in Zukunft zugelassen werden sollen.

Die erste Begegnung zwischen Alma und Tom in einer Bar verläuft uneben. Alma ist eine eher kühle, sehr kluge, hauptsächlich berufstätige Frau und Toms Flirt-Algorithmen „Deine Augen sind wie zwei Bergseen“ prallen an ihr ab. Aber Tom lernt schnell. Er lernt, dass es besser ist, Almas Unordnung unangetastet zu lassen, bestimmte Redewendungen wie „Alles klärchen“ zu vermeiden, auch mal Kontra zu geben oder unerreichbar zu sein. Sogar eine Humorebene entwickelt sich zwischen den beiden. Umso mehr Tom lernt, umso schwieriger ist es für Alma, die Distanz zu wahren und den gutaussehenden Mann nicht als Gegenüber sondern als Maschine zu verstehen.

Ruhig und lakonisch inszeniert Maria Schrader Almas Unbehagen, das vor allem aus dem Umstand rührt, dass Tom so verdammt wie ein Mensch aussieht und zusehends wie ein Individuum reagiert, aber keines ist. „Wenn ich mit dir rede, spreche ich eigentlich mit mir selbst“ sagt Alma einmal. Paradoxerweise sagt sie es zu ihm. Alma diagnostiziert, dass es Menschen zunehmend schwerer fallen wird, mit anderen Menschen umzugehen, wenn sie sich erstmal an die exakt auf sie zugeschnittenen Algorithmen gewöhnt haben, und kann selbst kaum loslassen.

Damit formuliert Schrader ein Unbehagen, das sich weniger auf eine fantastische Zukunft zu beziehen scheint, als auf eine Gegenwart, in der Kommunikation bereits fortlaufend und größtenteils unbemerkt von KI „optimiert“ wird. Was „echt“ und was ein Algorithmus ist, wird immer undurchschaubarer. Ein bisschen landet sie dabei auch wieder bei der alten binären Erzählung, die eindeutige Gegensätze formuliert – Seele vs Nicht-Seele – und eine Entscheidung zwischen Mensch und Maschine fordert.

Die Frage ist, ob die Grenzen überhaupt noch so klar gezogen werden können, ob KI ab einem gewissen Punkt nicht über das „Maschine-Sein“ hinaus geht, und ob nicht auch ein dritter Weg denkbar wäre, eine Interaktion zwischen Mensch und Roboter, die die spielerischen und interaktiven Möglichkeiten der Begegnung nutzt, ohne gleich menschliche Intimität zu simulieren.

Hendrike Bake

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