Entfernung über GPS
ab PLZ

Beautiful Boy

Fließende, schillernde Zeitebenen

In dem intensiven Melodrama um einen drogenabhängigen Sohn und seinen Vater, der ihm helfen will, wechseln Hoffnung und Verzweiflung einander beständig ab.

Mehr

Felix van Groeningen ist der zeitgenössische Meister des Melodramas. In BROKEN CIRCLE erzählte van Groeningen von einem jungen Paar, dessen Tochter Krebs hat und deren Liebe darüber zerbricht. Das Licht, die Musik, die Nicht-Ironie mit der van Groeningen von Trauer, Liebe und Verzweiflung erzählte: Niemand hat bei BROKEN CIRCLE nicht geheult – jedenfalls nicht in der Vorstellung, in der ich war. BEAUTIFUL BOY ist kein Heulfilm, aber auch er baut einen Gefühlsraum von großer Intensität auf. Der schöne Timothée Chalamet (CALL ME BY YOUR NAME) spielt Nic, einen fast erwachsenen Teenager, Steve Carell seinen Vater, den Journalisten David. Als Nic seinem Vater spielerisch einen Joint anbietet und auf Rückfrage zugibt, ja er habe schon Verschiedenes ausprobiert, scheint alles noch im Rahmen. Aber wenig später stellt sich heraus, dass Nic schon lange und viel Drogen nimmt, und ausgerechnet auf Crystal Meth hängen geblieben ist. Eine Odyssee beginnt, die alle wieder und wieder hoffen lässt, um sie kurz darauf in Verzweiflung zu stoßen, um dann doch wieder Hoffnung zu schöpfen. Nic macht einen Entzug, bricht ihn ab, verschwindet, taucht wieder auf, studiert, stürzt ab, klaut Geld, scheint clean. Und wieder von vorne. Van Groeningen verwebt in seiner Erzählung in einer ständig fließenden, schillernden Bewegung, verschiedenste Zeitebenen. Die Gegenwart, in der Vater David nach Wegen sucht, um dem Sohn zu helfen, mit der nahen Vergangenheit, in der Nic kurz vorm Abi stand, mit der fernen Vergangenheit, in der Nic noch unbeschwertes Kind war… Die Vergangenheiten fügen sich dabei nicht, wie sonst üblich, zu einer linearen Erzählung. Sie kumulieren stattdessen zu einem, zu Davids, Gefühlsraum, der, wenn er seinen Sohn betrachtet, nicht in Jetzt und Früher unterscheidet, sondern alles zugleich sieht: das Kind, den Teenager, den Erwachsenen, die Hoffnungen für die Zukunft, die Versäumnisse der Vergangenheit, den geliebten Sohn, den zerstörerischen Junkie. Atemberaubend.

Hendrike Bake

Details

USA 2018, 112 min
Sprache: Englisch
Genre: Drama
Regie: Felix van Groeningen
Drehbuch: Felix van Groeningen, Luke Davies
Kamera: Ruben Impens
Schnitt: Nico Leunen
Verleih: NFP
Darsteller: Timothée Chalamet, Steve Carell, Maura Tierney, Amy Ryan
Kinostart: 24.01.2019

ALLE ANGABEN OHNE GEWÄHR.
Die Inhalte dieser Webseite dürfen nicht gehandelt oder weitergegeben werden. Jede Vervielfältigung, Veröffentlichung oder andere Nutzung dieser Inhalte ist verboten, soweit die INDIEKINO BERLIN UG (haftungsbeschränkt) nicht ausdrücklich schriftlich ihr Einverständnis erklärt hat.