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Babylon – Rausch der Extase

Mörderische Chaosmaschine

Chazelle inszeniert das späte Früh-Hollywood im Moment des Wandels vom Stumm- zum Tonfilm zwischen 1921 und 1922 als eine mörderische Chaosmaschine.

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Ein Elefant scheißt in die Kamera. Margot Robbie kotzt auf einen Teppich, vor die Füße der Hollywood-Granden. Damien Chazelle spart in BABYLON nicht an drastischen Szenen, Körperflüssigkeiten und Exkrementen. Dabei sind einige Elemente aus der Vorlage – Kenneth Angers Klatsch- und Skandalbuch „Hollywood Babylon“ (1965), von dem Anger selbst gesagt hat, seine Recherchemethode wäre „Telepathie“ gewesen – durchaus entschärft. In einer Szene stirbt eine junge Frau an einer Überdosis Kokain während sie Sex mit dem dicken Komiker Fatty Arbuckle hat. Tatsächlich hatte Arbuckle 1922 die Schauspielerin Virgina Rappe so brutal vergewaltigt, dass sie an einem Blasenriss starb. Die Sexszenen bei Chazelle bleiben durchweg harmlos, wohl wegen der internationalen Zensurpraktiken. Dafür gibt es Drogen, Alkohol, Partys, Nervenwracks und Tote – und Exkurse über die „Magie“ des Films, die zu den besten Teilen von BABYLON gehören.

Chazelle inszeniert das späte Früh-Hollywood im Moment des Wandels vom Stumm- zum Tonfilm zwischen 1921 und 1922 als eine mörderische Chaosmaschine. Der Film nimmt, nach einer rauschenden Orgie, drei Figuren in den Fokus: den jungen Manni Torres (Diego Calva), der als eine Art Produktionsassistent beginnt und als Regisseur in einem kleinen Studio erste Jazzfilme produziert – historisch nicht ganz korrekt. Die ersten Jazzfilme mit schwarzen Musiker*innen (ST. LOUIS BLUES mit Bessie Smith und BLACK AND TAN FANTASY mit Duke Ellington) entstanden erst 1929. Aber Chazelle wollte offenbar keinen historischen Film drehen, was auch an der zweiten Hauptfigur deutlich wird. Margot Robbie spielt eine junge Schauspielerin, deren Geschichte an die des „It-Girls“ und Flapper-Idols Clara Bow angelehnt ist. Robbies Figur Nellie LeRoy scheint völlig aus der Zeit gefallen. Ihre Frisur und ihr Habitus erinnern am ehesten an Kim Basinger in 9 ½ WOCHEN, ihre Outfits an die Stripshows im frühen Privatfernsehen. Dritte Hauptperson ist der Stummfilmstar Jack Conrad, den Brad Pitt mit konzentriertem Understatement spielt. Während der erste Stunde des knapp über drei Stunden langen Films scheint es nur drei Modi zu geben: lautes, betrunkenes und vollgekokstes Chaos, kurze Dialoge, und ultrakurze Szenen, in denen das Ergebnis des Chaos zu sehen ist: hinreißende Stummfilmszenen in perfektem Licht. Das strahlende kalifornische Licht, das in der Stummfilmzeit genutzt wurde, um Filme im Freien zu drehen, wirkt in den „realen Szenen“ wie die Sommersonne an einem verkaterten Sonntag. Aber es erzeugt fantastische Stummfilmbilder. Eine Szene: Brad Pitts Filmstar ist volltrunken und kann sich für eine Liebesszene kaum auf den Beinen halten. Aber nach dieser komischen Szene vom Dreh zeigt Chazelle, wie die Stummfilmkamera die Szene gesehen hat: ohne jeden Ton, perfekt ausgeleuchtet, und präzise kadriert hat der kurze Moment eine atemberaubende Schönheit. Margot Robbies Nellie wirkt permanent überspannt. Aber sie kann auf Kommando weinen, was sie in Clara Bows Worten erklärt: „Ich denke einfach an zuhause“. Ihre Tränen erscheinen beim Dreh wie ein Gimmick, aber in der kurzen Schwarzweiß-Stummfilmszene, die Chazelle danach zeigt, ausgeleuchtet wie bei Joseph von Sternberg, wirken die Tränen erschütternd schön.

Mit dem Tonfilm zieht die Stille in die Filmstudios ein, und in BABYLON beginnt der Untergang. In einer langen Szene eskaliert ein Filmdreh, weil immer wieder etwas mit dem Ton nicht stimmt: ein Versprecher, eine minimal falsche Position der Darstellerin, ein knisterndes Kabel, eine plötzlich geöffnete Tür. Bis die ganze Situation explodiert und es am Ende einen Toten gibt. Die Szene erinnert an die eskalierenden Zerstörungsorgien in den Filmen von Stan Laurel und Oliver Hardy, aber sie gibt auch den Ton für das letzte Drittel des Films vor: Für alle, die sich nicht retten können, geht es in die Hölle, mitsamt einer Reise in den buchstäblichen Untergrund, im dem sich – wie könnte es anders sein – Sadomaso-Rituale und Zwerge tummeln. Die Orgien sind düster und böse geworden.

Mit Kenneth Angers Botschaft, die vor allem die Hollywood-Moralwächter als ethisch verkommene Pharisäer zeichnen sollte, hat BABYLON wenig zu tun. Der Konflikt interessiert Chazelle schlichtweg nicht. Chazelles Film erzählt vom Ende einer Party, vom Verlust einer unkontrollierten Kreativität, von der Rache der Wirklichkeit am Traum vom Leben als Film. Vielleicht ist BABYLON deshalb kein Historienfilm, vielleicht muss Margot Robbie deshalb immer wieder die Arme in die Höhe reißen und den als „Millennial-Whoop“ bekannt gewordenen Schrei ausstoßen, der etwa in James Camerons neuem AVATAR-Film in jeder Flugszene zu hören ist. Das Ende der Party ist jetzt. Und dennoch endet der Film in einer umwerfenden Montage aus Filmbildern von Bunuels L’AGE D’OR bis, nun ja, AVATAR. Es gibt Hoffnung, wenn auch nur im Film.

Tom Dorow

Details

Originaltitel: Babylon
USA 2022, 189 min
Genre: Drama
Regie: Damien Chazelle
Drehbuch: Damien Chazelle
Kamera: Linus Sandgren
Schnitt: Tom Cross
Musik: Justin Hurwitz
Verleih: Paramount Pictures
Darsteller: Brad Pitt, Margot Robbie, Tobey Maguire, Samara Weaving, Flea, Olivia Wilde, Jean Smart, Spike Jonze, Katherine Waterston, Max Minghella
FSK: 12
Kinostart: 19.01.2023

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Babylon - Rausch der Extase

(Babylon) | USA 2022 | Drama | R: Damien Chazelle | FSK: 12

Chazelle inszeniert das späte Früh-Hollywood im Moment des Wandels vom Stumm- zum Tonfilm zwischen 1921 und 1922 als eine mörderische Chaosmaschine.

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