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Berlinale-Gewinner

Realismus, Wahnsinn und eine unbändige Wut auf geschichtsvergessene, rechtsradikale, sich selbst für die anständige Mitte haltende Dummbürger und -bürgerinnen geben sich die Hand in Radu Judes dreiteiliger Farce.

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Realismus, Wahnsinn und eine unbändige Wut auf geschichtsvergessene, rechtsradikale, sich selbst für die anständige Mitte haltende Dummbürger und -bürgerinnen geben sich in Radu Judes Berlinale-Gewinner die Hand.

Es gibt drei Teile, die von fröhlichen pinkfarbenen Zwischentafeln und Kirmesmusik ebenso beschwingt wie schäbig eingeleitet werden. Der erste begleitet die Lehrerin Emi durch Bukarest, Emi ist gestresst. Ein privat gedrehtes Sexvideo von ihr ist im Internet aufgetaucht und hat einen Shitstorm ausgelöst. Eltern und Schulleitung haben sie vorgeladen. Ebenso gestresst wie Emi ist auch die ganze Stadt, ständig bricht Streit aus und fette SUVs parken bräsig die Fußgängerüberwege zu. Eine beobachtende Kamera folgt Emi auf Distanz und schaut sich dabei in den Straßen um: Menschen mit Masken, kaputte Fassaden, billige Werbung. Pandemie-Alltag im Spielfilm, unglaublich erleichternd zu sehen nach den Monaten, in denen Kino sich nur noch in fantastischen Parallelwelten zu bewegen schien, völlig abgekoppelt von dem, was eigentlich gerade in der Welt passiert. Bei Jude ist die Pandemie nicht groß Thema, aber sie ist da – in den Masken am Arm, im Abstand zwischen den Menschen oder in der Szene, in der die kleine alte Dame zum Gespräch in der Apotheke die Maske runterzieht und daraus, natürlich, wieder ein Streit entsteht.

Der zweite Teil ist eine Sammlung von kurzen und kürzesten Anekdoten, die Radu Jude seinem Publikum offenbar einfach mal um die Ohren knallen wollte. Es gibt jeweils einen Titel, zum Beispiel „Bücherregal“, ein Bild oder einen kleinen Film, in diesem Fall das Foto eines Bücherregals, und einen kleinen erläuternden Text, hier ist das die schöne Sentenz „Aus den Bibliotheken gehen die Schlachter hervor“. Zu „Vergewaltigung“ erfährt man, dass 55% der Rumän*innen diese unter Umständen für nachvollziehbar halten, etwa wenn Drogen im Spiel sind, sie mit nach Hause gegangen ist oder sich provokant angezogen hat. Etwa zwei Dutzend dieser Kurzschnipsel bilden eine wütende Tirade, deren Zusammenfassung sich vielleicht in jenem Abschnitt findet, der „Politik“ heißt und mit dem Satz beginnt „Politische Indifferenz kommt moralischer Fäulnis nahe.“

Im dritten und letzten Teil verhandeln Eltern und Schulleitung dann – mit Abstand und Masken im Schulhof – über Emis Zukunft. Zunächst wird nochmal das Sex-Tape gezeigt, während Emi daneben sitzt, dann wird ein Tribunal gehalten, in dem vom Blowjob über Bill Gates bis hin zum Holocaust alles, was an Ressentiments in vernebelten Hirnen gerade so in Umlauf ist, zur Sprache kommt. Es gibt zotige Zwischenrufe, persönliche Angriffe, ausführliche, vom Handy verlesene wissenschaftliche Texte zum Thema Kindererziehung, und Emi zitiert zu ihrer Verteidigung obszöne Gedichte des Nationaldichters Eminescu. Dieser Teil, der zugleich Kammerspiel und eine wilde, dicht inszenierte Farce ist, legt nochmal an Fahrt zu und steigert sich immer weiter ins Absurde.

„Kein Film erzählt per se die Wahrheit. Man muss die Filme mit der Realität vergleichen.“, singt der Abspann.

Hendrike Bake

Details

Originaltitel: Babardeala cu bucluc sau porno balamuc
Rumänien / Luxemburg / Kroatien / Tschechische Republik 2021, 106 min
Genre: Komödie, Tragikomödie, Drama
Regie: Radu Jude
Drehbuch: Radu Jude
Kamera: Marius Panduru
Schnitt: Cătălin Cristutiu
Musik: Jura Ferina, Pavao Miholjevi
Verleih: Neue Visionen Filmverleih
Darsteller: Katia Pascariu, Claudia Ieremia, Olimpia Mălai, Nicodim Ungureanu, Alexandru Potocean, Andi Vasluianu
FSK: 18
Kinostart: 08.07.2021

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