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Anomalisa

Puppen-Stop-Trick für Erwachsene

ANOMALISA von Charlie Kaufman (Drehbuch BEING JOHN MALKOVICH) ist eine zarte Stop-Motion-Animation für Erwachsene. Michael Stone, ein erfolgreicher Buchautor und Motivationstrainer, ist so depressiv, dass er die Stimmen aller Menschen als die gleiche, männliche Stimme wahrnimmt. Dann vernimmt er eines Tages eine Stimme, die anders klingt: sie gehört einer jungen Frau namens Lisa.

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Von Charlie Kaufman, dem Drehbuchautor von BEING JOHN MALKOVICH, ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTLESS MIND und Regisseur von SYNECDOCHE, NEW YORK kann man mindestens einen Film erwarten, der anders ist. ANOMALISA ist sehr anders: Ein Stop-Motion-Animationsfilm für Erwachsene, den Kaufman über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter finanziert hat, und zwar mit der Rekordsumme von 400.000 Dollar. Hauptdarsteller des Films sind extrem realistische, etwa dreißig Zentimeter große Puppen, die irrwitzig detailreichen Sets sind handgebaut. Die Gesichter der Puppen bestehen aus zwei Teilen, wodurch ein schwarzer Strich über den Augen sichtbar bleibt, als wäre der Blick der Figuren durchgestrichen. In diesem Film, in dem es um die entzauberte Wahrnehmung einer Welt geht, die nur aus Fassaden besteht, wirkt das ebenso plausibel wie faszinierend.
Die Hauptfigur ist Michael Stone, ein erfolgreicher Buchautor, ein Guru der Kundenberatung. Er landet in Cleveland, wo er am nächsten Tag einen Pep-Talk vor Verkäufern und Callcenter-Angestellten halten soll. Stone ist so depressiv, dass er die Stimmen aller Menschen als die gleiche, männliche Stimme wahrnimmt, die von Tom Noonans kaum moduliertem Bariton gesprochen wird. Der Mann im Flugzeug, der bei der Landung seine Hand hält, der vor sich hin quasselnde Taxifahrer, seine Frau am Telefon, sie alle sprechen mit der gleichen, leblosen Stimme einer Außenwelt, zu der Stone keinen Kontakt mehr herstellen kann. Er macht ein paar Versuche, seinem trostlosen Leben einen Schubs zu geben, ruft eine frühere Geliebte an, wartet auf sie in der Hotelbar und gießt sich dabei ordentlich einen hinter die Binde. Er will ein Geschenk für seinen Sohn kaufen, aber der Spielzeugladen, den ihm der Taxifahrer empfohlen hat, entpuppt sich als Sexshop. Nicht einmal das scheint Stone richtig wahrzunehmen.
Nichts scheint die endlose Distanz zwischen Stone und der Welt überbrücken zu können, bis er die Stimme einer Frau auf dem Hotelflur wahrnimmt. Stone fällt im wahrsten Sinne des Wortes das Gesicht herunter. Er klappert alle Zimmertüren ab, bis er endlich Lisa gefunden hat, die einzige Person mit einer eigenen Stimme, der warmen, lebhaften Stimme von Jennifer Jason Leigh. Lisa ist ein bisschen pummelig und hat durch einen Unfall eine große Narbe im Gesicht, die sie immer wieder mit einer Haarsträhne zu verdecken versucht. Sie kann Stones Begeisterung kaum fassen, niemand hatte sich je für sie interessiert, alle Männer interessierten sich nur für ihre blonde, schlankere Freundin. In einer rührenden Szene singt sie ihm Cindy Laupers Hit „Girls Just Wanna Have Fun“ vor, die traurig-komischste Version des Songs, die je zu hören war. Bei der Zeile „Oh momma dear, we´re not the fortunate ones“ stehen nicht nur Michael Stone die Tränen in den Augen, und wenn Lisa im Refrain gar nicht mehr aufhören kann zu trällern, ist ihre übermäßige Begeisterung so rührend wie amüsant.
Die Puppen, deren Gesichter durch austauschbare Gesichtsteile animiert werden, sind so ausdrucksstark, dass die US-Ratingagentur den Film ab 17 freigegeben hat, schließlich wird in Kaufmans Film auf die Toilette gegangen, masturbiert und Michael und Lisa haben außerdem ebenso leidenschaftlichen wie unbeholfenen, sehr privaten Sex, bei dem man ihre Puppennatur beinahe vergisst und sich ein wenig schämt, einem so intimen Moment beizuwohnen. Die FSK war weniger streng, aber ANOMALISA ist definitiv nichts für Kinder, es geht um sehr erwachsene Probleme. An Wunder wie die Epiphanie der einen, erlösenden Liebe glaubt Charlie Kaufman natürlich nicht, aber sein Film endet dennoch auf einer so reizenden, menschlichen Note, dass vielleicht sogar für den depressiven Michael Hoffnung besteht, mindestens aber sollte die schüchterne Lisa einen Platz an der Sonne finden.
Wer die so wichtigen Stimmen der Figuren in der deutschen Synchronisationsfassung sprechen wird, ist derzeit noch nicht bekannt. Der deutsche Trailer lässt allerdings befürchten, dass die deutsche Synchronisationsregie die Stimmcharakteristiken nicht sonderlich gut verstanden hat. Aber da gibt es auch nur eine Stimme zu hören.

Tom Dorow

Details

USA 2015, 90 min
Genre: Animation, Komödie
Regie: Charlie Kaufman, Duke Johnson
Drehbuch: Charlie Kaufman
Kamera: Joe Passarelli
Schnitt: Garret Elkins
Musik: Carter Burwell
Verleih: Paramount Pictures Germany
Darsteller: David Thewlis, Jennifer Jason Leigh
FSK: 12
Kinostart: 21.01.2016

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