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Anima: Die Kleider meines Vaters – Anima: My Father's Dresses

Geschlechterstereotype aufbrechen

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In einem oberbayerischen Dorf wächst die kleine Uli zwischen Blaskapellen, Bibelkreis und neugierigen Nachbar*innen auf. Von klein auf hadert sie mit den starren Geschlechterrollen, die man nicht nur in ihrem konventionell-biederen Heimatdorf, sondern auch in ihrer Familie hochhält. Wenn Uli zu Karneval lieber als Piratin gehen möchte statt als Prinzessin oder sich weigert, zur Kommunion ein Kleid zu tragen, kommt es zum Streit mit ihren Eltern, einem unauffälligen, bürgerlich-gesetzt wirkenden Lehrer*innen-Ehepaar. Die rebellierende Uli fällt aus der Reihe – immer wieder. „Alles, was Spaß machte, scheiterte daran, dass ich ein Mädchen war“, ist Uli überzeugt. Doch als sich die erwachsene Uli nach einem Unfall von ihrem Vater verabschieden muss, sagt ihre Mutter kurz vor dessen Tod den Satz zu Uli und ihrer Schwester, der alles verändert: „Euer Vater war Transvestit.“ Im Nachlass ihres Vaters findet Uli Decker Frauenkleidung, Kosmetik und zahlreiche Tagebücher – und entwickelt die Idee, einen Film über das jahrzehntelang streng gehütete Familiengeheimnis zu drehen.

Entstanden ist der collagenhafte, fantasievolle und bewegende ANIMA – DIE KLEIDER MEINES VATERS, für den Uli Decker beim Filmfestival Max Ophüls Preis 2022 den Preis für den besten Dokumentarfilm sowie den Publikumspreis Dokumentarfilm gewann. Die Regisseurin verbindet darin eigene dokumentarische Aufnahmen und Interviews mit Familienangehörigen mit Archivmaterial, Fotos und Animationselementen, aus denen auch eine „Film-Uli“ entsteht, die abenteuerlustig ihren eigenen Weg sucht. Während die Regisseurin aus dem Off über ihre Kindheit und Jugend spricht, hadert sie manchmal mit ihrem Projekt und fragt sich, ob sie ihren Vater damit bloßstellt. Doch der schrieb einst einen Satz in sein Tagebuch, der sich wie eine Botschaft an seine Töchter liest: „Wir müssen die Väter und Mütter auch verraten, damit wir mit unserer Vergangenheit in Frieden leben können.“ Parallel erzählt Uli Decker in ANIMA – DIE KLEIDER MEINES VATERS von ihrem eigenen Lebensweg und dem ihres Vaters – und den Schwierigkeiten mit undurchlässigen Geschlechterrollen, Klischees und genderspezifischen Erwartungen, unter denen beide litten.

Dabei geht sie auch über die Geschichte von Vater und Tochter hinaus und verwendet Archivaufnahmen, um die persönlichen Erfahrungen und Schwierigkeiten in die gesellschaftliche Atmosphäre der 70er- und 80er-Jahre einzubetten, in denen Uli aufwächst. So bindet sie etwa einen Ausschnitt aus einer Rede von Franz Josef Strauß oder eine Werbung ein, in der sich eine Frau von einer anderen vorwerfen lassen muss, noch nicht für ihren Mann gekocht zu haben. Diese aus heutiger Sicht auf absurde Art rückständig anmutenden Aufnahmen verdeutlichen, warum Ulis Vater in seinem katholisch geprägten Dorf nicht einfach über seine Neigung sprechen, geschweige denn sich in Frauenkleidern, Absatzschuhen und mit Perücke und Lippenstift zeigen kann, und warum Uli immer mehr mit ihrer Rolle als Frau hadert. In dieser patriarchalischen Gesellschaft eine Frau werden zu müssen, erscheint der jungen, rebellierenden Uli geradezu unheimlich, während ihr Vater Zeit seines Lebens Im Verborgenen mit toxischen Männlichkeitsidealen kämpft und insgeheim von einer bunteren, freieren Welt träumt.

ANIMA – DIE KLEIDER MEINES VATERS ist ein so feinfühliger und reflektierter wie mutiger und gesellschaftskritischer Film, der zum gründlichen Hinterfragen traditioneller Geschlechterstereotype anregt und der auch auf formaler Ebene Grenzen sprengt. ANIMA – DIE KLEIDER MEINES VATERS berührt auch deshalb so sehr, weil Vater und Tochter ähnliche Kämpfe auszufechten hatten und doch nie den Mut fanden, sich offen darüber auszutauschen. Ihr Vater und sie hätten noch ganz andere Abenteuer miteinander erleben können, ist Uli Decker heute überzeugt: „Verdammt! Da haben wir uns ein ganzes Leben lang verpasst.“

Stefanie Borowsky

Details

Deutschland 2021, 94 min
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Uli Decker
Drehbuch: Uli Decker, Rita Bakacs
Kamera: Siri Klug
Schnitt: Amparo Mejías, Frank Müller
Musik: Anna Kühlein
Verleih: farbfilm Verleih

Vorführungen

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