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Alpha (2025)

Anti-Pygmalion

Ein Virus lässt Menschen allmählich versteinern, bis sie im Tod zu silbrigen Marmorskulpturen erstarrt sind.

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In einer Erzählung des antiken Schriftstellers Ovid wünscht sich der Bildhauer Pygmalion die Verlebendigung einer seiner Statuen. Sein Wunsch wird ihm erfüllt, durch sein Begehren wird Stein zu Fleisch und der alte Traum eines lebenden Kunstwerks Wahrheit. Doch für die Statue entspringt daraus keine Freiheit: Pygmalions Begehren ist schon der Skulptur gegenüber sexuell aufgeladen und sein Verhalten dem geschaffenen Leben gegenüber übergriffig. In ALPHA geht Julia Ducournau den umgekehrten Weg: Ein Virus lässt Menschen allmählich versteinern, bis sie im Tod zu silbrigen Marmorskulpturen erstarren. Was kitschig klingt und leider auch so aussieht, versinnbildlicht eine Nobilitierung des Todes und damit einen tiefen Respekt vor dem Leben als endlich und kostbar. 

Das Virus wird bewusst nicht benannt, doch neben der frischen Erinnerung an COVID-19 sind die Parallelen zur AIDS-Epidemie der 1980er Jahre offensichtlich. Eine Kur ist nicht bekannt, über Gründe und Ansteckungswege wird gemutmaßt, und so grassieren Unsicherheit, Stigmatisierung und besonders Homophobie in dieser auch optisch in den 1980ern verortbaren Dystopie, einer irrealen, urbanen Einöde voller infrastruktureller und moralischer Verwahrlosung. Im Kontext der Pandemie(n) zeigt sich ein weiterer Gedanke hinter der Versteinerung: Auch inmitten des Massensterbens ist jedes Leben wichtig, jeder Tod erinnerungswürdig, jeder Mensch ein Denkmal.

In dieser Situation beschwört Ducournau das Mitgefühl, um nicht zu sagen die Macht der Liebe – zwischen der 13-jährigen Alpha (Mélissa Boros), ihrer Mutter (Golshifteh Farahani) und ihrem heroinabhängigen Onkel (Tahar Ramin). Während in Ducournaus Sensationserfolg TITANE von 2021 eine Wahlfamilie aus bedingungsloser Liebe entstand, ist hier die leibliche Familie der Ort, an dem sie zu einem Imperativ wird. Liebe, das bedeutet in beiden Filmen Akzeptanz, Fürsorge, und die Spannung zwischen diesen beiden Polen.

Konkret geht es in ALPHA um die Angst vor Ansteckung, die das Mädchen zu einem Paria macht, nachdem sie sich auf einer Party ein Tattoo hat stechen lassen, es geht um die wachsende Solidarität mit ihrem Onkel, dessen Drogensucht ihn ebenfalls marginalisiert (Tattoos, Bluttests, Heroin: ALPHA ist ein Film der Nadeln), und um die eiserne Fürsorge, die ihre Mutter, eine Ärztin, ihrer Tochter und ihrem Bruder zukommen lässt. Während Alpha mit traumatischen Kindheitserinnerungen an ihren suizidalen Onkel umgehen muss, ist es gerade dessen Todestrieb, der für die Mutter zum Prozess der Erkenntnis wird. Pygmalion, der Künstler, hatte den toten Körper verlebendigt, um ihn in Besitz zu nehmen. Im Gegensatz zu dieser schalen Verherrlichung des Lebens als Ausweis kreativer Macht muss Alphas Mutter, die Ärztin, lernen, dass die Akzeptanz des Todes, der Verwandlung von Fleisch zu Stein, und damit die Anerkennung der eigenen Machtlosigkeit die wahre, freie Liebe bedeutet.

ALPHA fehlen sowohl der narrative Fluss als auch der ästhetische Guss von TITANE, und der Film hat die hohen Erwartungen der Kritik daher zu Recht enttäuscht. Ein großartiger Film ist er trotzdem, wegen der Radikalität, mit der Ducourneau die tiefsten menschlichen Empfindungen erforscht, und der umwerfenden schauspielerischen Leistung von Mélissa Boros, Golshifteh Farahani und vor allem Tahar Ramin. Ramin erweitert die gleichzeitig bedrohliche und gewinnende Mimik seines Gesichts um den Ausdruck des gesamten Körpers, einer Landschaft aus Muskeln, Knochen und Wunden, in sich gekehrt, geschüttelt von Konvulsionen. Sein Körper ist so expressiv, wie es außerhalb der Bühnentanzkunst kaum möglich erschien, und macht verständlich, warum der Anblick auch einer perfekten Statue immer unbefriedigend sein muss.

Yorick Berta

Details

Originaltitel: Alpha
Frankreich/Belgien 2025, 128 min
Sprache: Französisch, Arabisch
Genre: Drama, Horror
Regie: Julia Ducournau
Drehbuch: Julia Ducournau
Kamera: Ruben Impens
Schnitt: Jean-Christophe Bouzy
Musik: Jim Williams
Verleih: Plaion Pictures
Darsteller: Emma Mackey, Golshifteh Farahani, Tahar Rahim, Finnegan Oldfield
Kinostart: 02.04.2026

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Alpha (2025)

(Alpha) | Frankreich/Belgien 2025 | Drama, Horror | R: Julia Ducournau | Interview

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