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Alles was kommt

Die Ideen sind stärker als die Realität

Nathalie Chazeaux (Isabelle Huppert) ist eine hingebungsvolle Lehrerin und leidenschaftliche Philosophin, die Gedanken mehr Wert beimisst als der Realität. Als ihr Mann sie verlässt und ihre Realität sich drastisch verändert, erlebt sie eine neue Freiheit, mit der sie zurecht kommen muss.

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„Die ist Lehrerin, die hat kein Leben!“ So reden einige ihrer Schülerinnen über Nathalie Chazeaux (Isabelle Huppert), die es nicht versteht, dass junge Menschen ihre Schule bestreiken – Demonstrationen gegen die Sarkozysche Anhebung des Renteneintrittsalters, für die Zukunft der Jungen. Für Nathalie ist die Rente mit 62 überhaupt kein Problem, sie würde am liebsten bis zum Umfallen unterrichten, „junge Menschen dazu erziehen, für sich selbst zu denken“, wie sie sagt, auch ein Dienst an der Zukunft.

DIE ZUKUNFT, L’AVENIR heißt der neue Film von Mia Hansen-Løve im Original. Es geht um Philosophie und darum, wie man Gedanken und Taten zur Deckung bringt. Er spielt unter Intellektuellen, Blicke in die Wohnungen werden von Bücherregalen eingerahmt, Fernseher gibt es nicht. Isabelle Huppert spielt Nathalie mit Drive, Halsstarrigkeit und leiser Ironie. Auf dem Familienausflug zum Grab Chateaubriands korrigiert sie noch Hausarbeiten, intellektuelle Erfüllung reicht ihr zum Leben, radikal war sie früher mal, drei Jahre lang, jetzt beantwortet sie die Fragen ihrer über das politische System verärgerten Schüler mit Rousseau. Der Film spielt noch vor Nuit Debout, die Jugendlichen tragen T-Shirts mit Serial Chiller-Aufdruck und nennen das Fach von Madame Chazeaux salopp „la Philo“. Aber Nathalie weiß um die Früchte ihrer Arbeit, sie hat einen Protégé, Fabien, der auch früher nur gekifft hat und jetzt für ihre Aufsatzsammlung schreibt, quer denkt, anarchistisch, er könnte die Zukunft der Philosophie sein.

Nathalie ist immer in Bewegung und verlässt doch nie ihren bürgerlichen Radius. In der U-Bahn liest sie Enzensberger, überhaupt sieht man sie selten ohne Buch, obwohl der Film Horizonte anbietet, Blicke aufs Meer, Gebirgspanoramen. Die Ideen sind stärker als die Realität (wieder Rousseau). ALLES WAS KOMMT baut aber zu Nathalies Welt ganz leise eine Gegenposition auf. Der Film hat einen bemerkenswerten Fluss dafür, dass er Geschichten übers Nachdenken erzählt; Nathalie läuft durch die Straßen, hetzt zum Zug, nimmt den Bus, steigt aus der U-Bahn, die Kamera begleitet sie mit beweglicher Aufmerksamkeit, die Einstellungen bleiben selten stehen. Auch Nathalie hat einen Körper und eine Welt um ihn herum. Es ist der präzise beobachtete Alltag, der sich plötzlich ändert und die Frage nach Nathalies eigener Zukunft stellt: Der Ehemann entscheidet sich für eine andere Frau, der Verlag für eine eher marketing-orientierte Schulbuch-Reihe, die bedürftige Mutter geht freiwillig ins Heim und verschwindet dann ganz, die Kinder gründen eigene Familien. Totale Freiheit plötzlich, das hat die Lehrerin noch nie erlebt. Sie besucht ihren Lieblingsschüler Fabien in den Bergen, der gegen Zwangsräumungen protestiert, Käse macht, schreibt, mit Freunden aus der Anarchisten-Szene einen Ausweg aus dem Katastrophendenken finden will. Das Unabomber-Manifest steht im Regal. Nathalie fühlt sich zu alt für Radikalität.

Hansen-Løve hat ihren mit dem Silbernen Berlinale-Bären für die beste Regie ausgezeichneten Film mit großer Sympathie um diese Figur herum gebaut, die ihre intellektuelle Leidenschaft als einen Wert an sich verteidigt und sich mit großem Aufwand nicht verändert. Als sie auf der Beerdigung ihrer Mutter aus Pascals Pensées zitiert, kann man nicht anders, als dessen Paradoxien auf sie zu beziehen: „Da ich zu viel sehe, um zu verleugnen, aber zu wenig, um Gewissheit zu haben, bin ich in einem beklagenswerten Zustand.“ Der Film zieht sich am Ende, mit einer sanften Kamerafahrt an Regalen und Familienfotos vorbei, aus Nathalies Welt zurück. Da hat sie gerade dem neugeborenen Enkel ein Philosophie-Bilderbuch zu Weihnachten geschenkt. Auf der Tonspur summt jemand leise die Unchained Melody: And time goes by so slowly. And time can do so much.

Jan Künemund

Details

Originaltitel: L' avenir
Deutschland/Frankreich 2016, 100 min
Genre: Drama
Regie: Mia Hansen-Løve
Drehbuch: Mia Hansen-Løve
Kamera: Denis Lenoir
Schnitt: Marion Monnier
Verleih: Weltkino
Darsteller: Isabelle Huppert, Edith Scob, André Marcon, Élise Lhomeau, Sarah Le Picard, Roman Kolinka
FSK: oA
Kinostart: 18.08.2016

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