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A Bigger Splash

Unwohlsein im Sonnenschein

Luca Guadagninos Version von SWIMMING POOL spielt auf der Insel Pantelerria, auf der sich die Rocksängerin Marianne Lane mit ihrem weit jüngeren Lover Paul von einer Stimmbandoperation erholt. Als ihr Ex-Partner mit seiner Tochter auftaucht, beginnt ein gefährliches Spiel aus wechselseitiger Verführung.

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Es gibt, selten, aber eben doch gelegentlich, Filme, bei denen meine eigene Wahrnehmung sich so fundamental von allen anderen Kritikern unterscheidet, dass ich beginne, an ihrem Verstand zu zweifeln. I AM LOVE (2009) von Luca Guadagnino war einer dieser Fälle. Von der Marketingabteilung des Verleihs war die Vorgabe gekommen, es handele sich um eine Liebesgeschichte zwischen einer reichen Frau und einem rustikalen Koch, eine kulinarisch-sinnliche Reise. Ich empfand die an Werbefotografien erinnernden Bilder von Obst, die eingeschnitten wurden, während Tilda Swinton und Edoardo Gabbriellini das erste Mal Sex haben, keineswegs als sinnlich, sondern als Kommentar dazu, dass selbst die sexuelle Lust sich durch visuelle Elemente der Warenwelt vermittelt. I AM LOVE begriff ich als einen hinreißenden Gothic-Film über den Verfall der feudalistischen Struktur des Banker-Universums angesichts von Finanzkapitalismus und Globalisierung. Der Rest der Welt verstand und mochte den Film als Liebesgeschichte. Natürlich hat der Rest der Welt Unrecht.

Einen Hinweis, dass I AM LOVE tatsächlich mehr Horror- als Liebesfilm war, brachte jüngst die Nachricht, dass Guadagnino als Regisseur für das Remake des heiligen Grals der Kunst-Horrorfilme geplant ist. Sein nächster Film soll eine neue Version von Dario Argentos SUSPIRIA sein, wie A BIGGER SPLASH mit Dakota Johnson und Tilda Swinton in den Hauptrollen. Das gilt allgemein als Ketzerei, aber Guadagnino könnte tatsächlich in der Lage sein, Argentos Meisterwerk noch zu verbessern. Kaum ein Regisseur hat zurzeit einen spannenderen Blick auf Licht und Architektur als Guadagnino.

Aber zunächst einmal kommt nun A BIGGER SPLASH ins Kino. Der neue Titel kann und soll nicht verschleiern, dass Guadagninos Film schon die dritte Version des gleichen Stoffes ist. Jacques Derais LA PISCINE (dt. DER SWIMMINGPOOL) war 1969 vor allem wegen der Besetzung mit Romy Schneider und Alain Delon ein Hit. Die Geschichte um zwei Paare, die über Kreuz Affären beginnen, bis jemand tot am Boden des Swimmingpools liegt, war aber wohl auch eine Anspielung auf die Spekulationen um den Tod des Rolling Stones-Gitarristen Brian Jones. Francois Ozons Version der Geschichte, SWIMMING POOL (2003) übernimmt nur wenige Motive - eine junge und eine ältere Frau, erotische Spannungen, der Pool als Metapher für sexuelles Begehren - und macht daraus einen komischen und psychologisch präzisen Film über Kunstproduktion und Begehren.

In A BIGGER SPLASH, der seinen Titel von einem David Hockney-Gemälde übernimmt, ist Tilda Swinton die Rocksängerin Marianne Lane, die sich nach einer Stimmband-Operation auf die italienische Insel Pantelleria zurückgezogen hat. In der ersten Einstellung sieht man sie in einem gewaltigen Stadion auf die Bühne schreiten, umjubelt und mit einem von Ziggy Stardust inspiriertem Make-Up, aber noch bevor sie den ersten Ton singen kann, ist die Szene abrupt zu Ende. Dann: nacktes Herumliegen auf Deko-Felsen, Sex mit ihrem jüngeren Lover Paul (Matthias Schoenaerts) – ein sinnliches Idyll. Bis ihr Ex-Partner Harry (Ralph Fiennes) mit seiner Tochter Penelope (Dakota Johnson) auftaucht. Fiennes gibt Harry als eine entsetzliche Nervensäge, einen lauten Angeber, der aus Mariannes Plattensammlung nur eigene Produktionen auflegt, um die eigenen Ideen zu loben und dabei schwitzend und ungelenk durch die Villa zu tanzen. In ruhigeren Momenten versucht er, Marianne zu einem Comeback zu überreden, und zieht dabei alle möglichen Register – von Karaoke in einer Dorfbar bis zur kulinarischen Expedition auf einen Bauernhof. Und je mehr Marianne auf Harrys Verführungsversuche eingeht, desto klarer wird, was für ein unsympathisches Paar die beiden einmal gewesen sein müssen – genau die richtigen großmäuligen, selbstverliebten Kanaillen für das verlogene Rockgeschäft. Harrys Tochter Penelope macht sich derweil mit unbändigem Zerstörungswillen und der totalen Überzeugung der eigenen Unwiderstehlichkeit an Paul heran. Der steht einmal unter der Dusche und wäscht sich den Kopf. Auf der Tonspur verkündet ein kurzer Ausschnitt aus Verdis Falstaff seine Selbstmitleidigkeit und Korrumpierbarkeit.

Auch A BIGGER SPLASH wird als „Ein sinnliches Porträt über Leidenschaft, Eifersucht und RocK’n’Roll unter der meditteranen Sonne Süditaliens“ vermarktet, aber auch dieser Film ist viel besser, als es das Marketing glauben machen will. Guadagnino webt sofort düstere Töne in die untergehende Sonne. Als die beiden Paare am ersten Abend gemeinsam in ein exklusives Open-Air-Restaurant gehen, muss sich Harry vorher an einem Felsen erleichtern. „Ich wäre vorsichtig“, sagt Paul, „Das hier ist ein alter Friedhof“. Und schon beginnt ein Cello, das Unheil zu beschwören, die Kamera fährt die Bergwand hinauf, die sich dabei leicht nach vorn zu neigen scheint, als wolle sich der Geist der Insel ob seiner Schändung erheben und die Society-Schnösel mitsamt ihrem Eroberergestus verschlingen. Fünf Sekunden Horrorfilm, dann ist die Störung vorbei, aber das Unwohlsein nicht.

Noch ein anderes Element dringt in die Geschichte ein. An den Stränden und am Rand der Spazierwege der Insel, die vor Sizilien liegt, finden sich Hinterlassenschaften von Flüchtlingen: halbzerfetzte Schwimmwesten, Rucksäcke, Kleidung. Zeugen von wesentlich bedeutenderen Dramen als dem, das die vier Unsympathen erleben. Guadagnino inszeniert eine Lappalie, einen Sturm im Wasserglas, einen Mord ohne Täter, ein bisschen Unruhe in einem vollkommen gesättigten Leben, das nur durch etwas selbstinszeniertes Drama erträglich wird, vor dem Hintergrund einer humanitären Katastrophe, und er stellt den zynischen Gestus ganz deutlich aus. „Horrible“, kommentiert Marianne die regelmäßig am Strand ankommenden Flüchtlinge, dann nutzt sie ihre Popularität, um einen Tisch im vollbesetzten Restaurant zu bekommen. Einmal sind Paul und Penelope auf einem Spaziergang zu einem Binnensee, als sie vier männlichen Flüchtlingen begegnen. Das Paar weicht einen Schritt zurück und blickt verängstigt auf die Männer, die überrascht zurückblicken, ein paar Worte wechseln, und dann in eine andere Richtung weitermarschieren.

Hier begegnen sich Lebenswelten, die so wenig miteinander in Beziehung treten können, wie die Welt der Herren und die der Sklaven. Die Verkennung, dass deshalb beide nichts miteinander zu tun haben, ist konstitutiv für die Erzählung. Die Arroganz, mit der die Rockstar-Entourage die Insel - inklusive ihrer Autoritäten und Institutionen - in Besitz nimmt, ist ein Spiegel der imperialen Arroganz der herrschenden Klasse Europas, die kein Problem damit hat „ein paar harte Bilder auszuhalten“ (de Mazière), solange die kulinarische Grundversorgung mit Kanapees gewährleistet ist. Luca Guadagnino gibt dem Kino was es will: den Sonnenschein, die nackten Körper, Sex und Crime, und zerlegt zugleich die Basis dieser Geschichten. Ein großer, stark unterschätzter europäischer Filmemacher.

Tom Dorow

Details

Frankreich/Italien 2015, 120 min
Genre: Thriller
Regie: Luca Guadagnino
Drehbuch: David Kajganich
Kamera: Yorick Le Saux
Schnitt: Walter Fasano
Verleih: StudioCanal
Darsteller: Ralph Fiennes, Tilda Swinton, Aurore Clément, Matthias Schoenaerts, Dakota Johnson
FSK: 12
Kinostart: 05.05.2016

Website
IMDB

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