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1001 Nacht: Der Ruhelose, der Verzweifelte, der Entzückte

Miguel Gomes‘ entspannt mäanderndes Epos

Miguel Gomes‘ 1001 NACHT ist ein sechs Stunden langes Epos in drei Teilen (DER RUHELOSE, DER VERZWEIFELTE und DER ENTZÜCKTE). Wie die klassische Sammlung von Märchen, Geschichten und Begebenheiten bietet Gomes‘ Film einen beschwingten Mix von Stilen, Dokumentar- und Spielfilm, aber unternimmt auch eine politische Analyse Portugals im Griff der europäischen Sparmaßnahmen.

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Wer den portugiesischen Regisseur Miguel Gomes schon einmal erlebt hat, wie er sich vor oder nach einer Vorführung auf der Bühne gebart, der weiß, dass es ihm nicht an Selbstsicherheit mangelt. Anspannung scheint Gomes nicht zu kennen, was ganz ohne Frage zu der bemerkenswerten Atmosphäre seines bisherigen Opus Magnum beiträgt, dem dreiteiligen, und insgesamt fast sechs Stunden langem 1001 NACHT. Im Abstand von jeweils zwei Wochen kommen die drei Teile DER RUHELOSE, DER VERZWEIFELTE und DER ENTZÜCKTE nun in einige wenige deutsche Kinos, doch eigentlich ist das Werk ein einziger, langer Film, den man möglichst in einem Stück sehen sollte.

Vor allem der Atmosphäre wegen, die sich durch die zehn Episoden zieht, in denen Gomes von der wirtschaftlichen Not seiner Heimat erzählt. Wie wenige andere Länder Europas hatte Portugal an der jüngsten Wirtschaftskrise zu leiden und wurde von den Institutionen der EU zu eiserner Sparpolitik gedrängt, was die wirtschaftlichen Probleme nur noch verstärkte. In dieser Atmosphäre der Tristesse begann Gomes vor einigen Jahren am Nachfolgeprojekt zu seinem mit 18 Filmpreisen (plus 40 Nominierungen!) ausgezeichnetem TABU zu arbeiten, stellte aber bald fest, dass er in diesen Zeiten keinen Film drehen konnte und wollte, der nicht dezidiert politisch ist, der sich nicht mit der Realität Portugals auseinandersetzt. Aus diesem Ansatz hätte ein anstrengendes filmisches Pamphlet werden können, doch schon die Form, die Gomes wählt, verhindert dies: Lose Episoden erzählt Gomes so wie einst Scheherazade in den Geschichten aus 1001 Nacht, nicht um am Leben zu bleiben - auch wenn er sich selbst zu Beginn als Gefangener seines meuternden Filmteams inszeniert -, aber vielleicht, um angesichts all der Missstände nicht den Verstand und die Hoffnung zu verlieren.

Die zehn Episoden unterschiedlicher Länge tragen Titel wie "Geschichte vom Hahn und dem Feuer", “Die Männer mit einem Steifen" oder "Der berauschende Gesang der Buchfinken" (mit fast 80 Minuten praktisch ein eigenständiger Film) und bewegen sich im Stil zwischen Satire und Doku-Drama, Fiktion und klassischem Dokumentarfilm. Ähnlich wie in Gomes‘ vorletztem Film JENER GELIEBTE MONAT AUGUST, weiß man auch hier oft nicht genau, ob man gerade etwas Dokumentarisches oder etwas Fiktives sieht. Die Leichtigkeit, mit der sich diese 1001 NÄCHTE entwickeln verwundert, angesichts von Geschichten von Massenentlassungen, Selbstmord, absurden Gerichtsverfahren, die ein oft düsteres Bild der portugiesischen Gegenwart zeigen.
Immer wieder werden die Episoden durch kollagenhafte Bilder unterbrochen, durch historische schwarz-weiß Aufnahmen oder offensichtliche Spielfilmmomente, in denen neben Scheherazade (Crista Alfaiate) manch andere Gestalt aus allerlei Mythologien auftaucht, unter anderem Gomes selbst, als Turban tragender Flaschengeist. Dass diese Polyphonie der Stilrichtungen, Ideen, Bilder, Anspielungen nicht komplett ausfasert, liegt zum einen an den flirrenden, auf 16mm gedrehten Bildern, für die Gomes den Kameramann Sayombhu Mukdeeprom engagiert hat, der oft mit Apichatpong Weerasethakul gearbeitet hat. Zum anderen ist es Gomes tiefsitzende Gelassenheit, die seinen Filmen schon immer, 1001 NACHT aber im Besonderen, ihre ganz eigene Stimmung verleiht.

Mäandern ist dabei keine vorübergehende Fortbewegungsart, sondern durchgehender Zustand dieses sechsstündigen Films. Mit größtem Gleichmut inszeniert Gomes tragische wie absurde, satirische wie elegische Episoden, oft unterlegt von Songs, die wie entspannte Easy Listening Musik wirken. Am Ende der sechs Stunden von 1001 NACHT hat man viel gesehen, versteht Portugal, das Land am äußersten Rand Europas ein bisschen besser, auch die vielfältigen Auswirkungen der europäischen Sparpolitik. Vor allem aber hat man ein begeisterndes, reiches filmisches Werk erlebt.

Michael Meyns

Details

Originaltitel: As Mil e Uma Noites
Deutschland/ Frankreich/ Schweiz/ Portugal 2015, 125 min
Genre: Drama
Regie: Miguel Gomes
Drehbuch: Miguel Gomes, Marina Ricardo, Telmo Churro
Kamera: Sayombhu Mukdeeprom
Schnitt: Telmo Churro
Verleih: Real Fiction
Darsteller: Carloto Cotta, Adriano Luz, Isabel Muñoz Cardoso, Crista Alfaiate, Dinarte Branco
FSK: 12
Kinostart: 28.07.2016

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