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Zoology

Schwermütige Parabel

Das Leben der Mittfünfzigerin Natasha ist so grau und kalt wie der kleine Küstenort, in dem sie lebt. Die Kollegen in der Zooverwaltung verspotten sie als frigides Nilpferd und bei den Ärzten findet sie kein Mittel gegen den Schmerz und die Müdigkeit. Dann, eines Tages, wächst ihr ein Schwanz.

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Die Schicht, die den Menschen vom Tier trennt, wird bei Natasha plötzlich dünner. Die Mittfünfzigerin ist auf jeder Ebene ihres Lebens eingeschränkt. Ihre Kollegen in der Zooverwaltung verspotten sie hinter ihrem Rücken als frigides Nilpferd. In den Praxen der Ärzte, von denen sie sich ein Mittel gegen den Schmerz und die Müdigkeit ihres Lebens erhofft, sind die Gespräche von Aberglaube erfüllt wie zur besten Inquisitionszeit, und ihre Mutter sorgt sich hauptsächlich um ihre Katze. Da ist es nur folgerichtig, dass Natasha den ersten Schritt zur Tierwerdung vollzieht und ihr plötzlich ein Schwanz wächst. Nicht buschig und schön, sondern lang, fett und kahl, und mit einem Eigenleben, dass Cronenberg seine Freude daran hätte. Während die tranigen Ärzte des Ortes nicht lang genug von ihren Überweisungsblöcken aufblicken, um irgendeine Diagnose zu stellen, macht der junge Radiologe Petyr ihr Mut, ihr Leben mehr auszukosten und Sinnlichkeit zuzulassen. Natasha putzt sich heraus, geht mit Petyr tanzen und amüsiert sich über die Gerüchte um eine beschwanzte Hexe, vor der sich die ganze Gemeinde fürchtet.
Regisseur Iwan Twerdowski (LENAS KLASSE) wollte einen Film über die moderne russische Gesellschaft machen und das Ergebnis ist von Schwermut, Religion und internalisierter Homogeneisierung erfüllt. So grau kalt und trübe wie der Küstenort, den sie bewohnt, ist auch Natashas Umfeld. In der Coming-of-Age-Geschichte eines Teenies wäre der Schwanz vielleicht eine Waffe, mit der Natasha sich von ihrem Umfeld befreien kann, aber hier ist dieser eher Ausdruck ihrer unterdrückten Sexualität und auch ihres Ekels vor sich selbst und den eigenen Begierden. Diese Ambivalenz lässt mehr Interpretationsmöglichkeiten und macht Natasha als Charakter interessanter, den Film aber auch schwerer verdaulich.

Christian Klose

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Details

Originaltitel: Zoologiya
Deutschland/Frankreich/Russland 2016, 87 min
Genre: Drama
Regie: Ivan I. Tverdovskiy
Drehbuch: Ivan I. Tverdovskiy
Kamera: Alexander Mikeladze
Schnitt: Vincent Assmann, Ivan I. Tverdovskiy
Verleih: Krokodil
Darsteller: Natalya Pavlenkova, Dmitri Groshev, Irina Chipizhenko, Maria Tokareva
Kinostart: 07.09.2017

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