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Wien vor der Nacht

Heldenplatz der Heimatlosen

Rober Bober begibt sich auf den Spuren seines Urgroßvaters, der den letzten Teil seines Lebens in der Wiener Leopoldstadt, dem damaligen jüdischen Viertel, verbrachte, auf die Suche nach einem Wien, dass es nicht mehr gibt.

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In seinem neuen Film begibt sich Robert Bober auf die Spuren seines Urgroßvaters, der nach einer gescheiterten Emigration nach Amerika den letzten Teil seines Lebens in der Wiener Leopoldstadt, dem damaligen jüdischen Viertel, verbrachte. Wolf Leib Fränkel starb zu Friedenszeiten glücklich und im Kreise einer großen Familie, aber mit wenig, was sonst von seinem Leben zeugt. Bober stellt sich vor, wie es gewesen wäre, mit dem Uropa auf den Prater zu gehen oder sich von ihm Geschichten aus seinem Heimatdorf in Galizien erzählen zu lassen. Denn natürlich folgte schon wenige Jahre später die „Nacht“, der Anschluss Österreichs, die Reichskristallnacht und der Krieg; die „Nacht“, in der Teile der Familie spurlos verschwanden und vergessen wurden.
Der Film ist eine zärtliche Annäherung an eine, in den Worten von Schnitzler, sicherere und beruhigendere Zeit, eine Meditation über Erinnerung, über Familie und jüdische Identität, und über ein Wien, das es so nicht mehr gibt. Damals eine kulturelle und kaiserliche Weltstadt, war es voller Literaten, deren Heimat das Hotel und das Kaffeehaus waren, die sich als Juden und als Wiener sahen, bevor sie flüchten mussten und sich Wien später nicht einmal mehr daran erinnern wollte, mit welchem Enthusiasmus es sie vertrieben hatte. Die Geschichte hat auch hier nicht nur die Spuren ihres Lebens vernichtet, sondern auch die Spuren der Vernichtung selbst: Nicht einmal ein Bild einer brennenden Wiener Synagoge existiert. Die Nacht war schließlich auch die, deren Ende Stefan Zweig in seinem Abschiedsbrief nicht abwarten wollte. Mithilfe der literarischen Texte und der Erkundung der modernen Stadt füllt Bober die Leerstellen aus und schafft so eine kaleidoskopische Illustration, die von so viel mehr erzählt als vom Leben eines Vorfahren.

Christian Klose

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Details

Deutschland/Frankreich/Österreich 2016, 73 min
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Robert Bober
Drehbuch: Robert Bober
Kamera: Giovanni Donfrancesco
Verleih: Edition Salzgeber
Kinostart: 09.03.2017

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