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Vergiss mein Ich

Identität als Performance

Lena (Maria Schrader) leidet an retrograder Amnesie und muss von vorne anfangen. Was macht man, wenn von einer Minute auf die andere alles weg ist? Wie reagiert ein Ehemann, dessen Frau ihn nicht mehr erkennt und was macht man mit engen Freunden, an die man sich plötzlich nicht mehr erinnern kann?

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Die ersten Bilder sind verschwommen. Point of view Lena, besorgte Gesichter gucken in die Kamera, Flucht nach draußen an die Winterluft. „Wer sind diese fremden Leute?“ fragt eine sichtlich verstörte Frau, ihr Gedächtnis ist plötzlich weg. Notaufnahme, MRT, die Nahaufnahme von Lenas Gesicht in der weißen Röhre verschiebt sich langsam vertikal. Dazu ein Cover von „Just Dropped In (To See What Condition My Condition Was In)" - doch es geht nicht um Drogenerfahrungen, sondern um retrograde Amnesie. Das Ich ist vergessen, zurück auf Los – was für eine Exposition!
Was macht man, wenn von einer Minute auf die andere alles weg ist? Wie reagiert ein Ehemann, dessen Frau ihn nicht mehr erkennt und was macht man mit engen Freunden, an die man sich plötzlich nicht mehr erinnern kann? Diesen Fragen geht Regisseur Jan Schomburg (ÜBER UNS DAS ALL) in seinem zweiten Kinolangfilm auf ziemlich originelle und überraschend beschwingte Weise nach. Anders als bei Demenz besteht bei Lena die Möglichkeit, neu zu lernen und gewissermaßen von vorne anzufangen. Das ist nicht immer lustig, oft aber schon. Tagebücher, Fotos, und Videomitschnitte des alten Lebens sind dabei Lernhilfen. Die Zukunft als Mimikry der dokumentierten Vergangenheit. Identität als Performance, Lena war Gender Studies-Philosophin, radikaler Konstruktivismus ihr Forschungsfeld. Jetzt ist sie selbst jemand der nicht „ist“, sondern nur „werden“ kann. Zwar wird sie wieder Frau und wieder heterosexuell (warum eigentlich?), Gefühle wie Eifersucht und Wut kann sie aber nicht mehr intuitiv spüren, sondern muss sie sich logisch herleiten. Maria Schrader als Lena – schlichtweg umwerfend wie sie ihre Rolle par force durch den Film reitet –kindlich, unberechenbar, berührend! Am Ende ist dann alles wieder klar, doch nichts wie früher. Die letzten Bilder verschwimmen.

Toby Ashraf

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Details

Deutschland 2014, 95 min
Genre: Drama
Regie: Jan Schomburg
Drehbuch: Jan Schomburg
Kamera: Marc Comes
Schnitt: Bernd Euscher
Musik: Steven Schwalbe, Tobias Wagner
Verleih: Real Fiction
Darsteller: Paul Herwig, Maria Schrader, Ronald Zehrfeld, Sandra Hüller, Johannes Krisch, Jeff Zach
FSK: 12
Kinostart: 01.05.2014

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