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The Salesman

Risse im Gebäude

Rama und Emad sind ein gut situiertes, intellektuelles Ehepaar in Teheran. Eines Abends Rama von einem mysteriösen Mann in der Wohnung angegriffen. Die Reaktionen von Rama, Emad, Nachbarn und Freunden offenbaren das Geflecht von Tabus, in dem die ganze Gesellschaft gefangen ist.

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„Wir sollten die ganze Stadt abreißen und neu aufbauen“, sagt der Teheraner Lehrer Emad zu seinem Freund Babak. Der antwortet: „Es wurde schon mal alles zerstört und neu aufgebaut, und das hier ist dabei herausgekommen.“ Der direkte Bezug ist die Bausubstanz in Teheran. Das Gebäude, in dem Emad und seine Frau Rama wohnen, ist in der Nacht zuvor eingestürzt. Tatsächlich gemeint sind wohl eher die konstitutionelle Revolution von 1905 und die Revolution von 1979, die vom heutigen Regime als „islamische“ Revolution bezeichnet wird, bei Gegnern des Regimes heißt sie einfach „iranische Revolution“. Die Pointe ist typisch für Asghar Farhadis Stil in seinem neuen Film THE SALESMAN, für den er in Cannes 2016 den Preis für das beste Drehbuch erhielt. THE SALESMAN ist ein Film, der immer wieder auf die Grenzen des Sagbaren, des Zeigbaren und Denkbaren verweist. In Farhadis Film geht es um Risse und Beschädigungen, die durch das alltägliche Leben unter dem mittlerweile fast 50 Jahre andauernden autoritär-theokratischem Regime entstanden sind.

Als Emad eines Abends wegen Gesprächen mit der Zensurbehörde länger im Theater bleibt, wird Rama von einem unbekannten Mann in der Wohnung angegriffen. Was genau geschehen ist, bleibt unklar, aber nach dem Angriff bröckelt die Beziehung zwischen Rama und Emad wie die Wand in ihrem Schlafzimmer. Rama und Emad sind eigentlich ein gut situiertes, intellektuelles Ehepaar, das in der Freizeit mit einer Theatergruppe Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ inszeniert. Ein Stück über eine Krise männlicher Identität, das auch Emads eigene Situation reflektiert, und an dem Farhadi die Absurdität der Zensur und der gesellschaftlichen Doppelmoral, auf der sie beruht, zeigt. Die im Stück nackte Frau, die aus dem Badezimmer des Handlungsreisenden kommt, muss in der iranischen Fassung Hut und Mantel tragen und trotzdem sagen: „Ich hab ja gar nichts an, so kann ich nicht raus gehen“. Ein Schauspieler will sich vor Lachen nicht wieder einkriegen. Dabei ist nicht nur der von der Zensur vorgeschriebene Mantel komisch. In THE SALESMAN stehen alle dauernd so taktvoll wie möglich auf der Straße und sind trotzdem in Sorge, irgendwie auffällig zu werden.

Zugleich haben in Farhadis Film alle irgendein Geheimnis, etwas, über das man nicht direkt reden darf, über das aber alle hinter vorgehaltener Hand tuscheln. Das Gerücht ist vielleicht die typischste Gesprächsform autoritärer Gesellschaften, sein Gegenstück ist die Frage: „Was sollen denn die Nachbarn denken?“. Die Frage steht in THE SALESMAN ständig im Raum, aber nach dem Angriff auf Rama verschärft sich die Situation. Was werden sie denken (und reden), wenn wir die Polizei rufen, wenn wir nicht die Polizei rufen? Immer wieder verweist Farhadi darauf, dass jemand zusieht, mithört, aufpasst, zensiert und dass sich etwas herumspricht.

Mit der offiziellen Zensur haben Emad und Rama sich arrangiert, achselzuckend reagiert Emad darauf, dass die Bücher, die er in seinem Job als Lehrer für den Unterricht vorgeschlagen hat, von der Behörde abgelehnt wurden. Größerer Druck entsteht in dem Moment, als nach dem vermeintlichen Überfall auf Rama auf einmal neu ausgelotet werden muss, wo die Handlungsspielräume sind. Was verlangt das Gesetz, die Etikette, die Ehre, das Gefühl, die Beziehung, die Menschlichkeit? Wo verlaufen die eigene Wünsche, wo die unausgesprochenen Verbote, wo ist der Kompromiss? Rama mag nicht mehr alleine zuhause sein. Emad reagiert zunächst ratlos und abwiegelnd, während um ihn herum Männer verbale Muskeln spielen lassen. Dann macht er sich auf die Suche nach dem Täter, doch die Vergeltung läuft völlig anders als erwartet. THE SALESMAN ist eher eine gesellschaftliche Tragödie als ein Rachethriller.

Tom Dorow

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Details

Originaltitel: Forushande
Frankreich/Iran 2016, 125 min
Genre: Drama
Regie: Asghar Farhadi
Drehbuch: Asghar Farhadi
Kamera: Hossein Jafarian
Schnitt: Hayedeh Safiyari
Verleih: Prokino
Darsteller: Shahab Hosseini, Taraneh Alidoosti, Mina Sadati, Farid Sajjadihosseini
FSK: 12
Kinostart: 02.02.2017

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The Salesman

(Forushande) | Frankreich/Iran 2016 | Drama | R: Asghar Farhadi | FSK: 12

Rama und Emad sind ein gut situiertes, intellektuelles Ehepaar in Teheran. Eines Abends Rama von einem mysteriösen Mann in der Wohnung angegriffen. Die Reaktionen von Rama, Emad, Nachbarn und Freunden offenbaren das Geflecht von Tabus, in dem die ganze Gesellschaft gefangen ist.

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