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The Birth of a Nation

Gründungsmythos revisited

THE BIRTH OF A NATION von Filmpionier D.W. Griffiths war der erste abendfüllende Spielfilm mit einer voll entwickelten Filmsprache – und ein rassistisches Machwerk. Regisseur Nate Parker erzählt die Geschichte des von Nat Turner geführten Sklavenaufstandes von 1831 nun neu und aus afro-amerikanischer Perspektive.

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Nate Parkers THE BIRTH OF A NATION sah nach dem Sundance Film Festival 2016 wie ein sicherer Oscar-Kandidat aus. Fox Searchlight hatte den euphorisch gefeierten Film für $17,5 Millionen gekauft, nachdem Netflix schon 20 Millionen Dollar geboten hatte. D.W. Griffiths gleichnamiger rassistischer Filmklassiker war jahrzehntelang in der Filmwissenschaft als erster Film mit einer voll entwickelten Filmsprache und Ort der Erfindung der Großaufnahme gefeiert worden, wenngleich dann im Seminar doch lieber Griffiths INTOLERANCE gezeigt wurde, als diese rassistische Feier des Ku-Klux-Klans als Rächer der von wilden Schwarzen vergewaltigten weißen Frauen und Beschützer der (weißen) amerikanischen Identität. Die Sehnsucht danach, diesem Schandfleck der Filmgeschichte einen epischen Film über die Sklaverei aus schwarzer Perspektive entgegen zu setzen, war groß, und nach Erfolgen wie DJANGO UNCHAINED und 12 YEARS A SLAVE schien mit BIRTH OF A NATION der Moment gekommen, zumal es kurz vor Sundance die „Oscars so white“-Debatte über mangelnde Diversität in der US-Filmbranche gegeben hatte. Für THE BIRTH OF A NATION war eine große US-Tournee geplant, auf der Nate Parker seinen Film präsentieren sollte und über die Geschichte der Sklaverei und deren Bedeutung für aktuelle US-amerikanische Verhältnisse reden sollte.

Im August 2016 platzte die Bombe: Nate Parker gab dem wichtigsten US-Filmbranchenmagazin „Variety“ ein Interview, in dem er eingestand, dass er 1999 gemeinsam mit Jean Celestin, seinem damaligen Zimmergenossen an der University of Pennsylvania, der auch Co-Drehbuchautor von THE BIRTH OF A NATION ist, wegen der Vergewaltigung einer 18 Jahre alten Kommilitonin angeklagt war. Parker hatte damals zwar zugegeben, Sex mit der Studentin gehabt zu haben, behauptete aber, dies sei einvernehmlich gewesen. Das Opfer gab an, bewusstlos gewesen zu sein. 2001 wurde Celestin verurteilt – kam allerdings später frei, weil das Opfer im Wiederaufnahmeverfahren nicht noch einmal aussagen wollte. Parker wurde freigesprochen, weil Zeugen aussagten, er habe bereits früher mit der Klägerin Sex gehabt. Aus der Ringer-Mannschaft der Universität war er trotzdem ausgeschlossen worden.
Vier Tage nach Parkers Interview meldete sich der Bruder des Opfers ebenfalls in „Variety“ zu Wort. Seine Schwester habe sich 2012 das Leben genommen, nach einer langen Geschichte der Depression, des Drogenmissbrauchs und mehrerer Selbstmordversuche. Ihre psychischen Probleme hätten nach der Vergewaltigung begonnen. Zudem sei sie von Parker und Celestin nach dem Verbrechen gestalkt und belästigt worden. „Ich bin sicher, wenn das heute passiert wäre, wäre das Ergebnis ein anderes gewesen“, sagte der Bruder des Opfers, „Man fasst niemanden an, der so betrunken ist.“

Die Affäre trifft auf eine Debatte um Universitäten, die der Vergewaltigung angeklagte Athleten oft beschützen. Aber auch in den Filmen, um die es geht, spielt sexuelle Gewalt eine entscheidende Rolle. Griffiths BIRTH OF A NATION ist eine Urszene des rassistischen Klischees vom vergewaltigenden Schwarzen, ein Klischee, das sich bis in die aktuelle Flüchtlingsdebatte und in den heutigen Rassismus fortsetzt. Und auch in Parkers Film ist eine Vergewaltigung einer der Auslöser des Sklavenaufstandes, wenn auch nicht der letzte und entscheidende. Parkers BIRTH OF A NATION war mit einem Mal toxisch geworden, ein weiteres Beispiel für die Jahrtausende alte Vergewaltigungskultur, in der für die Gründung eines Staates eine Frau geopfert werden muss, von Homers Raub der Helena über den Mord an Iphigenie bis zum Beginn der Filmgeschichte und bis heute. Sarah Neidorf zeigt in ihrer INDIEKINO-Rezension zu BELOW HER MOUTH präzise, wie Tropen dieser Rape Culture selbst in queere Filme Eingang finden.

Es ist unmöglich, Parkers Film unbefangen zu sehen, wenn man um seine Geschichte und die seiner Autoren weiß. Aber es gab natürlich auch Gründe für die Begeisterung in Sundance, die im Film selbst lagen und sich nicht in den gesellschaftlichen Diskursen, die ihn umgaben, erschöpften. THE BIRTH OF A NATION erzählt die Geschichte des von Nat Turner angeführten Sklavenaufstands von 1831. Der Film beginnt mit einer Traumsequenz, in der Nat als kleiner Junge in einer Kult-Zeremonie wegen der Muttermale auf seiner Brust als ein zukünftiger Anführer und Prophet bestimmt wird. Dieses Phantasma findet sich so auch in den „Confessions of Nat Turner”, einem Buch das kurz nach Turners Hinrichtung erschien und in dem der Rechtsanwalt Thomas Ruffin Gray die Aussage des Rebells, wie sie ihm bei seiner Gerichtsverhandlung vorgelesen worden sein soll, veröffentlichte. Die Authentizität des Buchs wird angezweifelt, aber belegt ist, das Gray Gespräche mit Turner geführt hat. Das ist alles nicht ganz unwichtig, denn Nat Turners Geschichte ist vor allem eine Geschichte über Religion, über die Funktion der weißen Religion des Christentums in der Sklavenhaltergesellschaft und darüber hinaus – bis hin zur Frage nach der Funktion der Religion in antikolonialen Rebellionen, oder wenn man will, dem Terror von heute.

Nat bringt sich selbst das Lesen bei, und wird eine Zeit lang im Herrenhaus der Baumwollplantage von der Ehefrau des Besitzers erzogen. Deren Entdeckung, dass Nat lesen kann, versetzt Nats Mutter in Panik: Sklaven dürfen nicht lesen und ohnehin ist es immer gefährlich, auf dem Radar der Weißen zu erscheinen. Die „wohlmeinende“ weiße Lady ist eine in doppelter Hinsicht gefährliche Figur. Sie drängt auf den Kontakt mit den Sklaven, bestimmt die Form des Kontakts aber selbst und ausschließlich im Kontext ihrer weißen Sklavenhaltermoral. So nimmt sie Nat mit in ihre Bibliothek, verbietet ihm aber, dort die Bücher anzufassen: „Die sind für weiße Leute, da stehen Dinge drin, die eure Art nicht verstehen kann.“ Außerdem bringt sie Nat in gefährliche Nähe zum weißen Master, dessen Entscheidungen der Mistress übergeordnet sind. Als der Master stirbt, ist das Leben im Herrenhaus beendet. Der Herr hat entschieden, dass der junge Sklave auf den Baumwollfeldern nützlicher ist. Von den ersten Baumwollblüten, die der kleine Nat vorsichtig pflückt schneidet Parker zu den Händen des erwachsenen Nat, der routiniert den Sack füllt. Jahre sind vergangen, Nat ist Sklave von Benjamin Turner, dem Sohn des alten Masters, mit dem er als Kind gemeinsam gespielt hatte. Sonntags predigt er für die Sklaven in einem Schuppen.

Ein Nachbar Turners hat eine Idee, wie der Master in einer wirtschaftlichen Krise mit seinem gut erzogenen und begabten Sklaven Geld verdienen kann. Nat soll den Sklaven auf den umliegenden Plantagen, auf denen es ihnen oft schlechter geht als bei Turner, aus der Bibel predigen und sie beruhigen. Die Sklavenhalter würden Ben dafür gut entlohnen. So predigt Nat zunächst Demut gegenüber den „irdischen Herren“, bis er auf einer Plantage der brutalen Folter eines Sklaven beiwohnt. Hier beginnt seine Rede sich unter den Augen seiner Herren zu wandeln. Sie wird zu einem doppeldeutigen, aufrührerischen Lobpreis der Gerechtigkeit Gottes, der sich niemand entziehen wird.

THE BIRTH OF A NATION weist mehrmals darauf hin, das zu den Brutalitäten der Sklavenhaltergesellschaft auch die Verfügungsgewalt über schwarze Frauen zählt, aber zum Auslöser der Rebellion wird die Taufe eines weißen Mannes durch Nat Turner. Bei allen Schwächen von BIRTH OF A NATION sind die Reflexionen darüber, wie eine aufgezwungene Religion zu einem ideologischen Denk-Rahmen wird, der auch emanzipatorisches Begehren bestimmt und begrenzt, ein wichtiger und mutiger Beitrag zur postkolonialen Debatte. Anders als bei Tarantino, der einen aufgeklärten weißen Helden erfinden muss, oder bei Steve McQueen, der einen gebildeten schwarzen Mann in die Sklaverei schickt, zeigt Parker die Sklaverei nicht aus der Perspektive des aufgeklärten Bürgertums, sondern aus der Perspektive eines Sklaven und fragt nach der Befreiung eines geknechteten Bewusstseins, mit all seinen Widersprüchen und Verblendungen. Das ist die größte Stärke von THE BIRTH OF A NATION.

Tom Dorow

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Details

USA 2016, 110 min
Genre: Biografie, Drama, Historienfilm
Regie: Nate Parker
Drehbuch: Nate Parker, Jean McGianni Celestin
Kamera: Elliot Davis
Schnitt: Steven Rosenblum
Musik: Henry Jackman
Verleih: Twentieth Century Fox of Germany
Darsteller: Jackie Earle Haley, Mark Boone Junior, Aunjanue Ellis, Armie Hammer, Nate Parker, Penelope Ann Miller, Colman Domingo
FSK: 16
Kinostart: 13.04.2017

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