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Schau mich nicht so an

Wunderbar eigenwillig, vielfach radikal

In diesem ungewohnten, eigenartigen und kompromisslosen Debüt spielt Regisseurin Uisenma Borchu die Münchnerin Hedi, die mit Nachbarin Iva eine promiskuitive, verstörende, befreiende Unabhängigkeit lebt.

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"Ich bin ein freier Mensch, weil ich nicht hasse", sagt Uisenma Borchu. Als der jungen Regisseurin der Bayerische Filmpreis für die beste Nachwuchsregie übergeben wird, spricht sie in klaren, starken und bewegenden Worten über die Reise ihrer Familie aus der Mongolei nach Ostdeutschland und schließlich in den Westen. Die andere zu sein, angeschaut zu werden, vielleicht auch gehasst zu werden hat Borchu am eigenen Leib erfahren, und man kann ihr fulminantes Langfilmdebüt als komplizierte und geniale Übersetzung ihrer eigener Erfahrungen lesen - und würde damit ihrem wunderbar eigenwilligen, vielfach radikalen und in seinem souveränen Selbstverständnis unglaublichen coolen Film nicht gerecht werden.

Hedi, eine junge, starke, mode- und selbstbewusste Frau, lebt à la bohème in München, in einer viel zu großen Wohnung, als sie eines Tages im Hinterhof Sofia, die Tochter der Nachbarin kennenlernt. Vor dieser Begegnung sehen wir Hedi und die kleine Sofia bereits auf den Straßen Ulaanbaatars, der mongolischen Hauptstadt, und später in einer Jurte bei Hedis Großmutter. Eine Fantasie vielleicht, ein Traum oder ein vorgezogener Epilog? Borchu lässt ihr Publikum darüber im Unklaren, denn Dinge nicht definieren zu wollen, gehört in SCHAU MICH NICHT SO AN in vielerlei Hinsicht zum Programm. Hedi lernt Sofias Mutter Iva kennen und beginnt eine Beziehung mit ihr, die von erotischer Anziehung, Autorität und Verführung geprägt ist. Sexuelle Eindeutigkeit gibt es nicht - zusammen schleppen die beiden Frauen eine Zufallsbekanntschaft ab, machen sich über unerfahrene Männer lustig, schlafen miteinander oder mit anderen. Wenn Hedi später sagt sie sei keine Lesbe, steckt dahinter einzig der Wunsch Kategorien zu entkommen - zu frei und eigenwillig ist die junge Frau, zu unerklärlich, um sich labeln zu lassen. Uisenma Borchu redet von dem "unbewussten Wunsch der Entfremdung" und stellt mit Hilfe der von ihr selbst verkörperten Hedi immer wieder gesellschaftliche Konventionen in Frage. Das "Richtige" und das "Falsche" wird im Laufe des Films immer brüchiger, die Grenzen zwischen dem Realen und dem Erdachten sind bewusst schon zu Beginn verwischt.

Bemerkenswert ist auch das Casting. Neben der Regisseurin spielen ein Kind, eine Filmdebütantin (Catrina Stemmer) und mit Josef Bierbichler ein Pionier der deutschen Film- und Theaterszene die Hauptrollen. Die daraus entstehenden Dynamiken sind von einer großen Leichtigkeit und öffnen die geschickt konstruierte Handlung immer wieder für dokumentarisch anmutende Szenen. Unterstützt wird diese Beiläufigkeit von der Kamera Sven Zellners, dessen Bilder eine Natürlichkeit atmen, die dafür sorgt, dass vor allem Hedi, als die in mehrfacher Hinsicht Andere, nicht ausgestellt wirkt, sondern zum selbstverständlichen Motor einer Neuentwicklung im Leben der anderen wird.

Es gehört Mut dazu, so einen Film zu machen, nicht nur, weil es (erst) der Abschlussfilm Uisenma Borchus ist, sondern vor allem, weil es der Regisseurin darum ging, ein sehr persönliches Gefühl ins Filmische zu übersetzen, und sie dies auf ungewöhnlich selbstbewusste Weise tut. Die, die angeschaut wird, die sich den Blicken anderer erwehren muss, die gezwungen ist, zurückzuschauen, ist Hedi nämlich nicht. Ihr im Film oft nackter Körper spricht eine Sprache, die sich der Objektivierung entzieht. Sie, die von Anfang bis Ende eine Ordnung aus den Angeln zu heben scheint, will sich nicht als „anders“ verstehen und ist damit das, was Uisenma Borchu von sich selbst sagt: frei. Diese Freiheit in Form einer radikalen gesellschaftlichen, sexuellen und sozialen Selbstbestimmtheit durchzieht den gesamten Film, dessen Hauptfigur so eigen ist wie kontrovers. Ein Film, der selbst frei ist, befreiend wirkt, und sich dabei nie beim Publikum anbiedert. Ein ungewohntes, eigenartiges, kompromissloses, unapologetisches, ziemlich großartiges Debüt.

Toby Ashraf

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Details

Deutschland/Mongolei 2015, 88 min
Genre: Drama, Liebesgeschichte
Regie: Uisenma Borchu
Drehbuch: Uisenma Borchu
Kamera: Sven Zellner
Schnitt: Christine Schorr, Uisenma Borchu
Verleih: Zorro Filmverleih
Darsteller: Uisenma Borchu, Catrina Stemmer, Josef Bierbichler
FSK: 16
Kinostart: 16.06.2016

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