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mother!

Atomkrieg für Introvertierte

Ein Dichter und seine junge Ehefrau leben allein in einem großen viktorianischen Haus auf dem Land. Durch einen Mord inspiriert, verfasst der Dichter ein Werk, das ihm schlagartig großen Kultstatus und Ruhm verschafft - und eine irre Fangemeinde.

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„Was ist denn das für ein Dreck?“ fragte sich Diethmar Dath in der FAZ und Rüdiger Suchsland ergänzte auf Artechock: „Wenn er uns alle so aggressiv macht, dann muss ja was dran sein. Nein Leute, nix ist dran.“ Viel Liebe hat Darren Aronofskys neuer Film „mother!“ bei der deutschen Kritik in Cannes nicht bekommen.
Klar, wer Aronofskys Filme mit dem Welterklärungsanspruch ansieht, den sie selbst einfordern, muss an der schwachsinnigen Großkotzigkeit der Filme des Regisseurs verzweifeln. Das will immer alles zugleich Pop und Gesamtkunstwerk sein, und fliegt dabei regelmäßig auf die bedeutungsschwangere Nase. Manchmal geht das einigermaßen unbemerkt durch, zumal, wenn wie bei der Manga-Verfilmung BLACK SWAN ausreichend Hochkultur-Kitsch in die Pop-Suppe gerührt wird, manchmal, wie bei dem Weltbaum-Drama THE FOUNTAIN, wird die esoterische Schalheit von Aronofskys Pomp bemerkt.
Als ein Drama über künstlerische und existentielle Schöpfung, über Inspiration und Kreation, über männliche und weibliche Weltperspektiven ist „mother!“so unbrauchbar wie alles, was Aronofsky je an Pseudo-Tiefsinn verzapft hat. Aber wenn man den ganzen esoterischen Quark einmal beiseitelässt, bleibt ein sehr schöner, berstend lebendiger, komischer und erschütternder Film über die Verletzung des persönlichen Raums übrig.
Eine junge Frau (Jennifer Lawrence) renoviert ein altes Haus, um das herum keine Welt zu existieren scheint. Sie berührt die Wand und spürt etwas Lebendiges, vielleicht ihre Seele, die in den Räumen eingeschrieben ist, die sie erschaffen hat. Ihr wesentlich älterer Mann (Javier Bardem) ist ein Großschriftsteller in einer Schreibkrise. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, als es an der Tür klingelt, und ein Fremder (Ed Harris) an der Tür steht. Ohne seine Frau auch nur zu fragen, bittet der Mann den Fremden herein, der geglaubt habe, hier befinde sich ein Bed and Breakfast und nun keine Bleibe hätte. Der Fremde wird sofort übergriffig, macht eine zudringliche sexistische Bemerkung über die Frau, raucht, ohne um Erlaubnis gefragt zu haben, und von hier an eskaliert die Lage. Am nächsten Tag quartiert sich die Frau des Fremden (Michelle Pfeiffer) ein, die sich gleich nach dem Sexleben des Paares erkundigt, die Unterwäsche der Frau kritisiert, in jeden privaten Raum eindringt und alles befingert. Fremder und Gattin inszenieren ein immer gewalttätigeres Drama, das immer mehr Figuren auf die Bühne zerrt, zu dem das Haus der Frau geworden ist: Kain-und-Abel-Söhne, die sich gegenseitig töten, eine Beerdigungsgesellschaft, die sich zu einer wüsten Party entwickelt, bei der das Haus verwüstet wird. Wir erleben das alles aus der Perspektive der Frau, die das gesamte Drama, das bis zum Atomkrieg eskaliert, als direkte physische Eingriffe in die von ihr geschaffene Welt, in ihre Seele, erfährt. Manchmal, wenn sie es nicht mehr erträgt, bebt die Leinwand. Das ist eine großartige Kinoerfahrung, mindestens für introvertierte, eigentlich soziophobe Persönlichkeiten, die Menschen lieber in kleinen Dosen und gebührendem Abstand genießen. Auf diese intensive Weise habe ich diese Alltagserfahrung noch nicht auf der Leinwand repräsentiert gesehen.
Der Rest, die biblischen Bezüge, die Schaffung eines Kunstwerks und die Geburt eines Kindes, die Wendung der Filmerzählung in eine Geschichte der Ewigen Wiederkehr, der ganze Pseudokunst-Hokuspokus, den Aronofsky auf diese schlichte Geschichte kübelt: geschenkt. Das ist alles Quatsch, und der Film selbst scheint die Idee, dass aus seiner Konstruktion auch nur ansatzweise so etwas wie Weisheit entstehen könnte, selbst zu ironisieren, wenn die pathetischen Worte des Schriftstellers zum heiligen Buch von Kannibalen werden: der Künstler als agent provocateur und Beobachter eines ewigen Dramas, was soll daraus schon entstehen? Die Erfahrung selbst zählt, nicht die Sinnkonstruktion eines Beobachters.

Tom Dorow

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Details

USA 2017, 115 min
Genre: Horror, Mysterie, Drama
Regie: Darren Aronofsky
Drehbuch: Darren Aronofsky
Kamera: Matthew Libatique
Schnitt: Andrew Weisblum
Musik: Jóhann Jóhannsson
Verleih: Paramount pictures
Darsteller: Javier Bardem, Ed Harris, Michelle Pfeiffer, Kristen Wiig, Jennifer Lawrence, Domhnall Gleeson, Brian Gleeson
FSK: 16
Kinostart: 14.09.2017

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mother!

USA 2017 | Horror, Mysterie, Drama | R: Darren Aronofsky | FSK: 16

Ein Dichter und seine junge Ehefrau leben allein in einem großen viktorianischen Haus auf dem Land. Durch einen Mord inspiriert, verfasst der Dichter ein Werk, das ihm schlagartig großen Kultstatus und Ruhm verschafft - und eine irre Fangemeinde.

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