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Havarie

Hör-Stück

Eine einzige, ungeschnittene, auf Spielfilmlänge gedehnte Einstellung zeigt ein Flüchtlingsboot mit 13 Insassen, weit weg, mitten im azurblauen Meer. Dazu hören wir auf der Ton-Ebene mehr als 20 Stimmen die sich zu einem Mosaik der Informationen, Fährten, Mutmaßungen und Geschichten verdichten.

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93 Minuten lang bleibt die Leinwand blau. Eine einzige, ungeschnittene Einstellung zeigt ein Bild, das sich nur verlangsamt bewegt: ein Boot als kleines und dunkles, figürliches Stillleben im azurblauen Meer. Die Bewegung der Kamera ist abgehackt, das Bild springt, denn das Handyvideo, das Regisseur Phillip Scheffner (REVISION, DER TAG DES SPATZEN) auf YouTube fand und hier auf anderthalb Stunden gestreckt hat, ist im Original lediglich dreieinhalb Minuten lang und wurde von Terry Diamond auf dem Kreuzfahrtschiff "Adventure of the Seas" im Mittelmeer aufgenommen. Das erfahren wir allerdings wie vieles andere erst im Abspann. Klar sind lediglich die Koordinaten: 37°28.6'N und 0°3.8'E. Dort befindet sich das Boot, ein Flüchtlingsboot mit 13 Insassen. Dazu hören wir auf der Ton-Ebene mehr als 20 Stimmen, die wir im Gegensatz zum Boot nicht verorten können, und die sich zu einem Mosaik der Informationen, Fährten, Mutmaßungen und Geschichten verdichten. Diese Puzzlestücke fügen sich allerdings zu keinem klaren Ganzen zusammen und sollen es auch nicht. HAVARIE ist eine experimentelle Auseinandersetzung mit massenmedialer Bildpolitik und den daraus resultierenden Blickwinkeln auf transatlantische Fluchtbewegungen. Doch das wäre nur eine von vielen Lesarten. Ein Film, der Fragen aufwirft und sein Publikum warten lässt, und genau dadurch eine physische Erfahrbarkeit produziert, die das Filmische und das Dokumentarische transzendiert. Man kann diesen Film positiv als Zumutung beschreiben, denn Scheffner mutet seinem Publikum zu, für anderthalb Stunden das Warten, die Orientierungslosigkeit und die Spannung auszuhalten, wodurch HAVARIE äußerst schlau die Situation der Boatpeople in den Kinosaal zu spiegeln weiß. Ein kleines, offenes Meisterwerk als Beitrag zu einer immer unerträglicheren Debatte um Menschenleben.

Toby Ashraf

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Details

Deutschland 2016, 93 min
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Philip Scheffner
Drehbuch: Merle Kröger, Philip Scheffner
Kamera: Bernd Meiners, Terry Diamond
Schnitt: Philip Scheffner
Verleih: Real Fiction
FSK: oA
Kinostart: 26.01.2017

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