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Félicité

Rausch und Kühlschrank

Die Sängerin Félicité erlebt eine persönliche Katastrophe, als ihr Sohn bei einem Unfall schwer verletzt wird und sie das Geld für eine notwendige Operation aufzutreiben versucht. Alain Gomis‘ rauschhafter, poetischer Film erzählt von der Dialektik zwischen Kampf und Akzeptanz.

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Die Kasai Allstars aus Kinshasa könnte man kennen, die Band trat bereits 2015 beim Glastonbury Festival auf. Björk und Damon Albarn haben gesagt, dass sie die Band zu ihren Einflüssen zählen, der dröhnende, polyrhythmische, tranceartige Brachialsound der Allstars erinnert aber eher an die Minimalgrooves von Bands wie Can, The Fall oder Public Image Ltd., wenn man schon nach „weißen“ Parallelen suchen will. Die Kasai Allstars spielen traditionelle afrikanische Trance-Rhythmen mit einer Rockbandbesetzung und traditionellen Folk-Instrumenten, die aber durch elektronische Verzerrer und Effektgeräte gejagt werden, bis ein hypnotischer, urbaner Noise-Groove entsteht. Mit dem coolen Afro-Pop früherer Zeiten hat das wenig zu tun.

Die Kasai Allstars bestimmen den Sound des Films FÉLICITÉ des franco-senegalesischen Regisseurs Alain Gomis. Hier sind sie die Backing Band von Félicité (Véro Tshanda Beya), einer unabhängigen, kraftvollen Sängerin, die mit der Band in einem Nachtclub in Kinshasa auftritt. Das Publikum ist von Anfang an ganz gut angetrunken, der riesige Tabu (Papi Mpaka) wankt durch den Laden und fordert Leute heraus, es mit ihm aufzunehmen, während die Band sich in einen Rhythmus verknirscht. Félicité peitscht die Sache an. So beginnt der Film in einem Rausch.
Am nächsten Tag geht Félicités Kühlschrank kaputt, wodurch sie Tabu wiedertrifft, Poet, Trinker und Kühlschrankreparateur. Dann hat ihr Sohn Samo (Gaetan Claudia) einen schweren Unfall. Um zu verhindern, dass sein Bein amputiert wird, muss Félicité schnell viel Geld auftreiben. Sie bettelt, erpresst Schulden, wird aus den Häusern der Reichen geworfen, sie wird betrogen und versucht sich zurück zu kämpfen. Kinshasa erscheint als eine Hölle, in der jeder den anderen betrügt, eine Hölle mit einem angemessenen Soundtrack, für den die Auftritte von Félicité und der Band sorgen. Einmal werden Diebe auf der Straße blutig geschlagen, und man fragt sich, ob Félicités Sohn in Wirklichkeit das gleiche widerfahren ist.

Die zweite Stunde ist ein surrealer Rausch, an dessen Ende eine Art Heilung steht. Zur Musik der Kasai Allstars kommt die Kinshasa Philharmonie hinzu, die Arvo-Pärt-Stücke aufführt. Félicité murmelt eine Übersetzung von Novalis‘ „Hymnen an die Nacht“. Tabu wütet und scherzt. Irgendwo zwischen Wut, Trauer und einem Okapi, das wie ein Wundertier plötzlich vor Félicité steht, entsteht eine Form von Liebe. Gelassen scheucht Félicité Tabus Sexpartnerin der Nacht zuvor aus dem Bett, reklamiert Raum und Körper des Mannes für sich. Eine Begegnung freier Menschen, die sich Kraft geben, nicht aus Verpflichtung, sondern weil sie es können. Als Tabu mit großer Geste den verdammten Kühlschrank endlich repariert, gab es in der Berlinale-Pressevorführung Szenenapplaus. Kurz darauf beginnt das Ding einen Höllenlärm zu veranstalten. Auf dem Sofa will sich Samo vor Lachen wegschmeißen. „Mach den Fernseher an“, sagt Tabu.

FÉLICITÉ ist ein wuchtiger Film über die „Dialektik zwischen Kampf und Akzeptanz“, wie Regisseur Alain Gomis sagt. Sein poetischer, politisch und spirituell überzeugender, mitreißender Film wäre ein würdiger Berlinale-Gewinner gewesen.

Tom Dorow

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Details

Originaltitel: Felicite
Frankreich/ Deutschland/ Belgien/ Libanon/ Senegal 2017, 123 min
Genre: Drama, Musikfilm
Regie: Alain Gomis
Drehbuch: Alain Gomis, Olivier Loustau
Kamera: Céline Bozon
Schnitt: Alain Gomis, Fabrice Rouaud
Verleih: Grandfilm
Darsteller: Véro Tshanda Beya Mputu, Gaetan Claudia, Papi Mpaka
FSK: 6
Kinostart: 05.10.2017

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