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Einfach das Ende der Welt

Wespennest Familie

Nach zwölf Jahren Abwesenheit besucht Louis seine Familie, um ihnen zu sagen, dass er todkrank ist. Mit seiner Rückkehr betritt er ein wahres Wespennest an über Jahre genährten Ressentiments und ungelebten Gefühlen.

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Xavier Dolan hat keine Angst vor Melodrama: In Großaufnahme bei vollem Musikeinsatz (Gabriel Yared) sieht man Louis (Gaspard Ulliel) im Flugzeug sitzen. Fast nur sein Gesicht ist zu sehen. Dazu hört man seine Erzählstimme: Er fliegt zu seiner Familie, die er zwölf Jahre nicht gesehen hat, um sich zu verabschieden, denn er hat nicht mehr lange zu leben. Wie ein McGuffin begleitet einen dieses Wissen durch den Film - jederzeit kann die „Bombe“ hochgehen. Und es zieht die Zuschauer automatisch auf Louis‘ Seite. Wenn Louis schweigsam ist, unnahbar oder ausweichend, dann wissen wir, warum das so ist. Wir entschuldigen alles.

Die Familie dagegen weiß nichts und entschuldigt nichts. Mit seiner Rückkehr betritt Louis ein wahres Wespennest an über Jahre genährten Ressentiments und ungelebten Gefühlen. Da ist seine kleine Schwester Suzanne (Léa Seydoux), die zu viel kifft, keinen Plan hat und ihre Lethargie auf die Abwesenheit des großen Bruders, den sie kaum kennt, schiebt. Da ist die extrovertierte Drama-Mutter (Natalie Baye), die den Sohn kaum umarmen kann, weil die Fingernägel noch trocknen müssen. Da ist die neue Schwägerin Catherine (Marion Cotillard), die freundlich bemüht ist Konversation zu machen und bei jedem Ausbruch ihres Mannes Antoine zusammenzuckt als hätte sie einen elektrischen Schlag erhalten. Und schließlich ist da Antoine, überragend gespielt von Vincent Cassel als ein verbitterter, unglücklicher, aggressiver Typ, der nicht anders kann, als hinter jedem Wort einen Angriff zu wittern und mit jedem Satz eine Verletzung zu begehen. Was genau ihn so hat werden lassen, bleibt im Dunkeln, ebenso, was er dem Bruder eigentlich vorwirft. Die Verletzungen scheinen tiefer zu gehen, als das eine einfache Stadtflucht, Louis‘ Erfolg als Schriftsteller oder seine Homosexualität rechtfertigen könnten. Die Figur des abwesenden Vaters taucht ab und zu in den Gesprächen auf und als Louis sagt, er möchte das alte Haus noch einmal besuchen, herrscht ihn Antoine an: „Was willst du da? Wir haben 20 Jahre gebraucht, um aus dem Drecksloch rauszukommen und du willst da hingehen, um zu gucken, wie der Wind die Blätter über das verrostete Dach weht? Ich gehe nach Auschwitz, hol mir da einen runter und ein Gedicht kommt raus?“ Die Analogie, die sich beim Sehen von EINFACH DAS ENDE DER WELT aufdrängt ist allerdings weniger Auschwitz als der Nahost-Konflikt: Alle Seiten sind zutiefst verletzt, die Verwundungen, wie auch immer sie im Detail aussehen mögen, gehen über Jahre zurück und sind nicht mehr aus der Welt zu räumen und jeder Austausch fügt dem Berg an Missverständnissen weitere hinzu.

Dolan geht mitten hinein in diesen Strudel. Die Kamera gibt ihre zu nahe, die Intimsphäre von Darstellern und Zuschauern gleichermaßen verletzende Position nie auf. Obwohl nicht ein einziger offener, ungeschützter, vertrauensvoller Austausch stattfindet, tragen alle ihre Gefühle schmerzhaft offen zur Schau. Ein Entkommen ist nicht möglich, im Gegenteil, wider Willen und ohne dass Dolan einem bequeme Gründe für ihr Verhalten an die Hand liefern würde, baut allein schon die Nähe Verständnis auf, nicht nur für Louis, die liebende Mutter oder die schutzbedürftige Catherine, sondern auch für den nahezu gewalttätigen Antoine. Fluchtinstinkt, Faszination, Mitleid und auch das Wiedererkennen vertrauter Familienmechanismen – wenn auch in extremer Vergrößerung - halten sich die Waage. Die Darsteller sind allesamt fantastisch und schenken sich nichts. Andererseits müssen sie bei Dolan auch keine Angst haben – seine Kamera vereint einen sezierenden mit jenem schwelgenden Blick, der schon seine anderen Filme ausmachte. Er lässt nichts durchgehen und feiert jede Macke.

Hendrike Bake

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Details

Originaltitel: Juste la fin du monde
Kanada/Frankreich 2016, 97 min
Genre: Drama
Regie: Xavier Dolan
Drehbuch: Xavier Dolan
Kamera: André Turpin
Schnitt: Xavier Dolan
Musik: Gabriel Yared
Verleih: Weltkino Filmverleih
Darsteller: Marion Cotillard, Vincent Cassel, Gaspard Ulliel, Nathalie Baye, Léa Seydoux
FSK: 12
Kinostart: 29.12.2016

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(Juste la fin du monde) | Kanada/Frankreich 2016 | Drama | R: Xavier Dolan | FSK: 12

Nach zwölf Jahren Abwesenheit besucht Louis seine Familie, um ihnen zu sagen, dass er todkrank ist. Mit seiner Rückkehr betritt er ein wahres Wespennest an über Jahre genährten Ressentiments und ungelebten Gefühlen.

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