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Dunkirk

Krieg als Erlebnis

1940. Die englischen Truppen haben sich in Dünkirchen vor der anrückenden deutschen Armee an den Strand zurück gezogen. Christopher Nolan inszeniert eines der größten Rückzugsmanöver der Geschichte als nervenzerfetzenden Survival-Thriller, in dem es nicht ums Siegen geht, sondern nur ums Überleben.

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Man kann DUNKIRK auch als Prequel von MAD MAX: FURY ROAD verstehen: Am Ende von DUNKIRK steht Tom Hardy vor einem brennenden Flugzeug, das für die ganze brennende Welt steht, am Anfang von MAD MAX steht er auf einem Hügel, die verbrannte Welt unter sich. Aber auch in der Form sind Nolans DUNKIRK und Millers FURY ROAD verwandt: Beide sind auf analogem Filmmaterial und mit minimaler CGI gedreht, beide haben einen Minimalplot, der eigentlich nur aus einer Bewegung besteht, bei beiden geht es um die unmittelbare Intensität. In beiden Filmen funktioniert das ausgezeichnet.

Nolans Kino ist ein Kino der Geschichtsvergessenheit, jedenfalls soweit die Geschichte sich außerhalb von Kino-Bilderwelten abspielt. DUNKIRK zeigt den Krieg als kinematographisches Erlebnis, nicht als historisches Ereignis, das eingeordnet, erinnert und verstanden werden muss. Die Erinnerungsspuren, die Nolan aufzeichnet, sind allesamt Reste früherer Kriegsfilme und Kinostile. DUNKIRK besteht aus drei Erzählsträngen, die „Land“, „See“ und „Luft“ betitelt sind. „Land“ ist die Geschichte eines jungen Soldaten, der vom Strand von Dünkirchen zu entkommen versucht, mit Mitteln, die vor einem Kriegsgericht vermutlich als Desertion beurteilt würden. Der Stil dieses Erzählstrangs erinnert an die Kriegsfilme von Samuel Fuller: Desorientierung, purer Kampf ums Überleben, reines körperliches Kino einer permanent bedrohten physischen Realität. „See“ ist eine vergleichsweise beschaulichere Erzählung, in der Mark Rylance eine braven Briten spielt, der mit seinem Sohn und einem Nachbarsjungen mit einem privaten Boot über den Kanal fährt, um britische Soldaten aufzunehmen. Dieser Erzählstrang hat als einziger so etwas wie Charaktere, verständliche Dialoge und eine klassische Erzähldramaturgie. Am ehesten erinnert das an Filme von David Lean, auch weil hier noch einmal eine andere Farbigkeit ins Spiel kommt als in der fast ausschließlich in Grau-Blau-Schattierungen gehaltenen „Land“-Erzählung. „Luft“ ist ein Howard-Hughes-Film: Flieger fliegen, Tom Hardy sitzt während spektakulärer Luftkämpfe im Cockpit. Die drei Stränge sind clever miteinander verwoben, wobei Nolans typisches Spiel mit verschobenen Zeitebenen stattfindet: „Land“ soll sich im Zeitraum einer Woche abspielen, „See“ an einem Tag, „Luft“ in einer Stunde – bis zu einem gemeinsamen Kulminationspunkt. Für die Wahrnehmung des Films spielt das kaum eine Rolle. Die drei Erzählstränge laufen unter Hochdruck aufeinander zu, mehr zu denken gibt es nicht.

Die Verwendung von 70mm-Filmaterial dagegen, ein weiteres Steckenpferd Nolans, hat sich hier, anders als zuletzt in Tarantinos Kammerspiel THE HATEFUL EIGHT, absolut ausgezahlt. DUNKIRK sieht man jederzeit an, dass es sich um bewegte Analogfotografie handelt, nicht um bunte Pixel. Die Körnung des Materials, die Farbnuancen - gerade in den fast monochromen Aufnahmen im Wasser und am Strand, das leichte Flackern des Bildes, die Historizität der alten Bewegtbild-Technik steigern die Fiebrigkeit und die panische Atmosphäre des Films. Dazu hat Hans Zimmer einen umwerfenden Score komponiert, in dem der Zimmer-typische Percussion-Teppich stampfende Maschinen, Artillerie und tosende Zeit evoziert, während darüber liegende Streicherglissandos Schwindel, Wellenschwanken, ein Auf und Ab vor dem Untergang heraufbeschwören. Erst ganz zum Schluss erscheinen patriotische Pathosakkorde aus einer Elgar-Welt, die wie propagandistische Fremdkörper und dröhnende Harmoniebehauptung wirken.

DUNKIRK ist bisher das gewaltigste und mitreißendste Kino-Ereignis des Jahres, und mit Sicherheit Nolans bisher bester Film. Kritik kommt vor allem aus Perspektiven, die sich einen anderen Film wünschen: einen reflektierteren Film über den Krieg, einen, der Raum für Erinnerung lässt. Solche Filme hat Alain Resnais gedreht, und wenn Nolans Interesse an Film und Zeit ernst wäre, würde er sich vielleicht mal einen ansehen. Was aber unmittelbarem Wumms angeht, lässt sich Nolan derzeit nur von MAD MAX übertreffen.

Tom Dorow

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Details

Frankreich, USA, Großbritannien 2017, 106 min
Genre: Historienfilm, Kriegsfilm, Drama
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan
Kamera: Hoyte Van Hoytema
Schnitt: Lee Smith
Musik: Hans Zimmer
Verleih: Warner Bros.
Darsteller: Cillian Murphy, Mark Rylance, Kenneth Branagh, James D'Arcy, Tom Hardy
FSK: 12
Kinostart: 27.07.2017

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