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Don't Blink – Robert Frank

Lieblingsfotograf

DON’T BLINK über den Fotografen von „The Americans“ Robert Frank ist kein ordentlicher, chronologischer Dokumentarfilm, sondern mehr ein Erforschen dessen, was Robert Franks künstlerischen Prozess ausmacht, zu dem auch das Umherschweifen gehört und das Reagieren auf spontane Eingebungen.

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„Ein trauriges Gedicht einer sehr kranken Person“ schrieb Popular Photography 1959 über Robert Franks Fotoband „The Americans“. Heute gilt Franks Buch als das herausragende Werk der Straßenfotografie, als eines der einflussreichsten Werke der Fotografie überhaupt. Über neun Monate war der Schweizer Fotograf durch die USA gereist, durch 30 Staaten, und hatte den Rassismus in den Südstaaten ebenso fotografiert wie die Gegenkulturen in New York, Backyards mit rostenden Autowracks in Kalifornien, die Fließbänder in den Detroiter Autofabriken – vor allem aber Menschen: auf der Straße, bei der Arbeit, bei Feiern, Beerdigungen, in Kneipen. „The Americans“ ist ein grobkörniges Gedicht, in dem auf glamouröse Paare der Gesellschaft bei einem Ball einsame Männer in billigen Cafeterias folgen. Augenblicke, manchmal auch gefährliche, aus der Hüfte geschossen, die ihre Flüchtigkeit durch die scheinbar zufällige Kadrage und Unschärfen unterstrichen.

Die Dokumentarfilmerin Laura Israel ist seit den 80er Jahren mit Frank bekannt. Das hat sicher geholfen, Frank zu einem Film zu überreden, obwohl der eigentlich Interviews (wie alle künstlichen Situationen) hasst. Israels Film ist ein Porträt geworden, das einen in seiner Überfülle leicht überwältigen kann. In einem irrwitzigen Tempo, zu einem irrsinnig guten Soundtrack (mit Stücken von u.a. The Mekons, Charles Mingus, Bob Dylan, Tom Waits, Johnny Thunders und den Rolling Stones) rasen Robert Franks Bilder und Filme vorbei. Das Tempo lässt zu Beginn keine Zeit, sich auf die einzelnen Bilder einzulassen, ein Wow-Erlebnis jagt das nächste. Israel hält sich nicht lange an den bekannteren Stationen von Franks Werk auf: Das berühmte Cover zum Rolling Stones Album „Exile on Main Street“ wird zwar ebenso erwähnt wie der Stones-Tourfilm COCKSUCKER BLUES, der wegen einer Klage der Stones nie veröffentlicht wurde und per Gerichtsbeschluss noch heute nur dreimal im Jahr und in Anwesenheit von Robert Frank aufgeführt werden darf, aber Israel geht es nicht um die „Greatest Hits“ von Robert Frank. DON’T BLINK ist kein ordentlicher, chronologischer Dokumentarfilm, sondern mehr ein Erforschen dessen, was Robert Franks künstlerischen Prozess ausmacht, zu dem auch das Umherschweifen gehört und das Reagieren auf spontane Eingebungen.

Interviews und direkte Fragen bringen bei Frank nicht viel. Was ein gutes Bild ausmache, fragt Israel. „Es muss scharf sein. Vor allem die Nase.“ Später, im entspannten Gespräch, verrät Frank dann doch einige seiner Strategien: Man muss schnell sein und die Leute fotografieren, wenn sie sich dessen nicht bewusst sind. Das erste Bild ist meistens das Beste. Frank kommt es weniger auf die technische Perfektion an, als auf die Intensität des Ausdrucks. Wenn er in einem Fotoladen auf ein Sonderangebot für eine Wegwerfkamera deutet und sagt: „Hier, 30 Dollar! Da kann man nichts falsch machen!“, dann meint er das völlig ernst und beginnt später sofort, mit der Kiste zu knipsen. Spontanität ist Franks Credo geblieben, was vielleicht auch ein Grund ist, weshalb der über 90-Jährige so lässig und lebendig wirkt.

Laura Israel interessiert sich vor allem für die jüngeren Arbeiten Franks, seine privaten Filme und die späten Fotos, bei denen Frank auch mit seiner zweiten Frau, der Malerin und Bildhauerin June Leaf zusammen arbeitete. Die in einer Hütte in Nova Scotia entstandenen Bilder, in denen Frank oft auf Glasscheiben schreibt oder direkt ins Filmmaterial kratzt, manchmal auch Polaroids zu Panoramen zusammenstellt, waren lange weniger bekannt als die ikonisch gewordenen Fotos aus „The Americans“. Sie sind privater und emotionaler, und viele verarbeiten persönliche Tragödien, vor allem den Tod von Franks Kindern Andrea, die 1972 bei einem Flugzeugunglück ums Leben kam, und Pablo, der an Schizophrenie erkrankt war und 1994 starb.

DON’T BLINK bietet wundervolle Einblicke in die Praxis eines wichtigen und sehr sympathischen Künstlers. Für Frank-Fans ist Israels Film natürlich Pflicht, und wer Frank noch nicht kennt, wird nach DON’T BLINK das Bedürfnis haben, die Bilder ausführlicher zu betrachten.

Tom Dorow

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Details

Kanada/USA 2015, 82 min
Genre: Biografie, Dokumentarfilm
Regie: Laura Israel
Drehbuch: Laura Israel, Melinda Shopsin
Kamera: Lisa Rinzler, Ed Lachman
Schnitt: Alex Bingham
Verleih: Grandfilm Verleih
Kinostart: 13.04.2017

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