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Die vergessene Armee

Leben nach der NVA

Mit dem Ende der DDR verloren eine Viertelmillion NVA-Soldaten, aber auch Stasi- und Volkspolizeioffiziere nicht nur ihren Job, sondern auch ihr Wertesystem. Signe Astrups Dokumentarfilm geht der Frage nach, wie die ehemaligen Exekutivkräfte der Partei seitdem mit diesem Sinnverlust umgegangen sind.

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Als die DDR im Oktober 1990 offiziell aufhörte, zu existieren, wurde nur ein kleiner Teil der in ihren staatlichen Sicherheitsorganen Beschäftigten in den gesamtdeutschen Dienst übernommen. Insbesondere die Viertelmillion der ehemaligen NVA-Soldaten, aber auch Stasi- und Volkspolizeioffiziere war plötzlich überflüssig geworden, jetzt, wo der Feind nicht mehr nur vor den Toren stand. Soldat sein war für sie mehr als nur Brotverdienst. Das Wegbrechen ihrer „Lebensleistung“ und die Identifikation mit dem untergangenen Heimatland konfrontierten viele mit der existentiellen Frage nach der Sinnhaftigkeit ihrer eigenen Geschichte.
Signe Astrup geht in ihrem Dokumentarfilm der Frage auf den Grund, wie die ehemaligen Exekutivkräfte der Partei seitdem mit diesem Sinnverlust umgegangen sind. Hier wird eine Parallelgesellschaft sichtbar, die ihren Fahneneid oftmals auch nicht durch die Wende aufgehoben sieht und durch Traditionsverbände, Wehrsport und öffentliche Trauerakte in voller Uniform ihr Land weiter fortleben lässt. Dabei zeigt der Film ein breites Spektrum an Geschichten, bis hin zur privilegierten Offiziersgattin, die die DDR auch gerne „mit all ihren Macken“ zurückhaben würde und dem ehemaligen VoPo, der beim Lesen seiner Stasiakte vor der Kamera erfährt, wie sehr das Land, das er liebte, ihm nicht traute. Das hat niemals etwas von einem aggressiven Versuch, Weltbilder zu zerstören. Viel mehr geht Astrup immer freundlich und vorsichtig mit ihren Interviewpartnern um und lässt sie sich so selbst hinterfragen und zu auch für sie unerwarteten Erkenntnissen gelangen, wenn sie das denn wollen. So fest die Weltsicht einiger auch ist, so differenziert zeigt der Film, wie vielfältig die Perspektiven derer sind, die der DDR verbunden geblieben sind.
Schön ist auch die fast schon abstrakte Musik von Matija Strnisa, die die sehr persönlichen Geschichten hervorragend untermalt.

Christian Klose

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Details

Deutschland, Dänemark 2017, 89 min
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Signe Astrup
Drehbuch: Signe Astrup
Kamera: Frank Schwaiger
Schnitt: Ruth Schönegge
Musik: Matija Strnisa
Verleih: Edition Salzgeber
FSK: 6
Kinostart: 08.06.2017

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