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Die Verführten

Remake zwischen Männerphantasie und weiblichem Begehren

Ein Nordstaaten-Soldat wird in Mississippi verwundet, und wird von den Bewohnerinnen eines Mädchenpensionats zunächst gerettet und verborgen. Lange geht das nicht gut, denn der Soldat weckt bei mehreren Frauen Begehren, und versucht, das auch auszunutzen.

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Sofia Coppola hat in Interviews gesagt, an ihrem Film hätte sie interessiert, die Geschichte aus einer weiblichen Perspektive zu erzählen. Aber Coppola hat auch gesagt, THE BEGUILED (dt. Die Verführten) sei kein Remake des gleichnamigen Don Siegel-Films von 1971, in dem Clint Eastwood einen verwundeten Nordstaatensoldaten spielt, der in einer Mädchenschule in den Südstaaten während des Bürgerkriegs gesund gepflegt wird, bevor die Sache kompliziert und reichlich gewalttätig wird. Coppola will ihren Film als Neuinterpretation des Romans des weitgehend unbekannten Autors Thomas Cullinan verstanden wissen, aber bereits die erste Szene nach dem Vorspann ist mit Don Siegels Version praktisch identisch: Ein junges Mädchen schlendert durch den Wald und singt die Ballade „Lorena“, das „Lilli Marleen“ des amerikanischen Bürgerkriegs, ein Lied der Sehnsucht und des erotischen Begehrens während langer Abwesenheit, die Geschichte einer Liebe, die sich erst im Himmel erfüllt. „Lorena“ rund zehn Jahre vor dem Krieg geschrieben, ist ein Kriegslied, aus dem der Krieg gelöscht und durch Sehnsucht ersetzt ist. Siegels Film beginnt mit fast identischen Bildern, zu hören ist aber Clint Eastwoods Stimme, der den in der Interpretation von Judy Collins berühmt gewordenen Song „The Dove“ singt, ebenfalls eine Bürgerkriegsballade, aber eine, die von dem Grauen des Krieges selbst erzählt:
Come all you young fellows take warning by me
Don't go for a soldier, don't join no army
For the dove she will leave you, the raven will come
And death will come marching at the beat of a drum
Deutsch also in etwa: Jungs, lasst es euch gesagt sein/ werdet keine Soldaten, tretet in keine Armee ein/ denn die Taube wird euch verlassen und der Rabe wird kommen/ und der Tod wird zum Schlag der Trommel marschieren. Die TV-Version von Margaret Atwoods THE HANDMAID’S TALE ist eindeutig kein Remake von Volker Schlöndorffs Film DIE GESCHICHTE DER DIENERIN, aber THE BEGUILED ist ohne jeden Zweifel ein Remake von Siegels Film, ein Remake, das, wie fast immer bei Coppola, alle Spuren der Geschichte und des Realen beseitigt, um einen morbiden erotischen Traum zu erzählen. „Die Sklaven sind weggelaufen“ heißt es bei Coppola, das bereitet den Boden für eine schneeweiße Traumwelt, aus der auch die Sklavin Hallie getilgt ist, die bei Siegel zwar keine Hauptrolle spielt, aber den schmierigen Corporal von Anfang an durchschaut.
Dass Sofia Coppola den „männlichen Blick“ aus Don Siegels THE BEGUILED in ihrer neuen Version durch eine weibliche Perspektive ersetzt habe, ist nicht viel mehr als ein Klischee. In Siegels Film sind die Frauen auch nicht gröber gezeichnet als in Coppolas, eher haben sie ausführlichere Hintergrundgeschichten und wirken weniger ätherisch als in der Neuverfilmung des Stoffes. In Siegels Version gibt es zahlreiche Hinweise auf verschiedene Formen männlicher Gewalt, die die Frauen bereits erlebt haben, und Corporal McBurney wird früh als Lügner und Verführer enthüllt. Die Idee, dass Regisseurinnen einen „weiblichen“ Blick installieren, verhüllt die Perspektive auf die Individualität von Regisseurinnen auf eine Weise, wie das bei ihren männlichen Kollegen nicht geschieht. Sofia Coppola kokettiert und spielt in THE BEGUILED mit weiblich konnotierten Klischees, etwa der rosafarbenen, verschnörkelten Schreibschrift, in der die Titel gehalten sind, oder den an Peter Weirs PICKNICK AT HANGING ROCK erinnernden strahlend weißen Kleidern, die alle Frauen tragen. Coppola übergießt Siegels Szenen mit dem Zuckerguss einer Stickrahmen-Ästhetik und hat doch von Peter Weir gelernt, dass gerade diese ausgestellte Unschuld und Niedlichkeit als Marker für untergründige Dunkelheit funktionieren können. Das ist eher eine Subversion dessen, was gewöhnlich als Konvention eines „weiblichen Blicks“ angesehen wird.
In Coppolas Film findet aber durchaus eine Konzentration auf eine bestimmte Form des Geschlechterverhältnisses statt. Während Corporal McBurney in Siegels Version permanent damit rechnen muss, von den Frauen an Patrouillen und marodierende Soldatentrupps verraten zu werden, wird diese Gefahr in Coppolas Film ähnlich schnell wie die Rassenproblematik erledigt. Schulleiterin Miss Martha (Nicole Kidman) entschließt sich, den Gefangenen nicht auszuliefern, bald haben auch die Schülerinnen den Soldaten gern, alles ist gut. McBurneys Interesse ist nicht die Flucht, sondern das Verbleiben in der Schule. Die Flirts und Verführungen sind aus sich selbst heraus motiviert, McBurney benötigt keine Verbündete, um der Situation zu entkommen, er sucht den maximalen sexuellen Genuss. So entfaltet sich Coppolas THE BEGUILED als ein weißes, ahistorisches sexuelles Traum-Drama zwischen Männerphantasie und weiblichem Begehren, wobei die Gewalt nicht durch den Kriegshintergrund heraufbeschworen wird, sondern dem Geschlechterverhältnis selbst inhärent ist.
Coppolas THE BEGUILED bringt ein grandioses Ensemble zusammen, das eine wesentlich subtilere Inszenierung erlaubt als in der Vorlage, die allerdings mit Eastwood, Geraldine Page und Elizabeth Hartmann auch nicht schlecht besetzt war. Aber seit den siebziger Jahren hat es eine Verschiebung zu einem stilleren, melancholischeren Schauspielstil gegeben, der nicht mehr, wie im klassischen „method acting“ auf eine dramatische Explosion hin orientiert ist, sondern verhalten eine Innerlichkeit in ihren Nuancen abbildet, ohne auf befreiende Ausbrüche angewiesen zu sein - vielleicht auch, weil ein befreiender Ausbruch nicht mehr möglich ist, im Leben so wenig wie auf der Leinwand. Nicole Kidman ist in den letzten Jahren zu einer Meisterin dieses kontrollierten Stils geworden, Kirsten Dunst und Elle Fanning sind damit aufgewachsen. Wenn Colin Farrell als Corporal McBurney, der sonst ebenfalls viel verhaltener spielt, als es Clint Eastwood in Siegels Version tat, sich dann irgendwann einen Ausbruch leistet, ist das alles andere als eine Befreiung.

Tom Dorow

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Details

Originaltitel: The Beguiled
USA 2017, 91 min
Genre: Drama, Western
Regie: Sofia Coppola
Drehbuch: Sofia Coppola
Kamera: Philippe Le Sourd
Schnitt: Sarah Flack
Verleih: Universal Pictures International Germany
Darsteller: Nicole Kidman, Kirsten Dunst, Colin Farrell, Elle Fanning, Angourie Rice
FSK: 12
Kinostart: 29.06.2017

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