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Der traumhafte Weg

Bewegt-Gemälde

Ein Sommerurlaub. Eine Trennung. Ein verschüttetes Weinglas. Ein Schuh. Angela Schanelec vertraut auf ihre Bilder, um von Lebenswegen, eher: Lebensmomenten zu erzählen. Radikale Sprünge lenken die Konzentration auf die beinah haptisch erfahrbare Dinglichkeit ihres filmischen Kosmos.

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Der Sommerurlaub in Griechenland füllt die Leinwand nicht aus. Links und rechts bleibt es schwarz, während das fast quadratische Bild im 4:3-Format in der Mitte umso kraftvoller strahlt. Angela Schanelec beschränkt die Sicht, um den Blick zu schärfen in ihrem neuen Film, dessen Bilder erneut von Kameramann Reinhold Vorschneider stammen, den sie einmal als "Maler des Lichts" bezeichnet hat. Dieses Licht bricht zuerst durch die Pinienbäume der Hügel eines kleinen griechischen Ortes, an dem sich die deutsche Touristin Theres und der Engländer Kenneth kennenlernen. Den ersten Dialog hören wir erst nach Minuten, auch die Namen der beiden erfahren wir nicht sofort, denn Schanelec geht es wie in fast allen ihrer Filme nicht um die Wirkmacht von Sprache, sondern um die Poesie der Bilder. Es sind Bilder, die nie das große Ganze enthüllen, die Figuren beschneiden, Geheimnisse erzeugen und die Details in den Vordergrund holen. Eine Mütze, Kenneths Schuh - fast schon ein Leitmotiv des Films -, ein herabfallender Telefonhörer, als Kenneth erfährt, dass seine Mutter krank ist, Teile eines Körpers. Viele Ausschnitte, die Momente erzählen.

Theres und Kenneth verschwinden nach der knappen Hälfte des Filmes erst einmal aus der Handlung der 1980er Jahre, aus der sie entsprungen sind, nur um dann - nicht gealtert und im gleichgebliebenen Kostüm - durch einen kühnen Schnitt ihren Weg ins Heute zu finden. Im Berlin der Jetztzeit führt der Film eine Kleinfamilie ein, die aus einer Schauspielerin, einem Tropenforscher und einer kleinen Tochter besteht. Auch hier wieder Details, die unsere Aufmerksamkeit erfordern, um Entwicklungen entdecken zu können: ein verschüttetes Weinglas, eine umgekippte Leiter, ein Krankenhausbesuch und schließlich, und dann ausgesprochen, eine Trennung.

Neben bekannten Schanelec-Schauspielerinnen wie Maren Eggert (MARSEILLE, ORLY) oder Miriam Horwitz (NACHMITTAG) spielen diesmal mit Miriam Jakob und Thorbjörn Björnsson zwei aus der Performance- und Gesangskunst stammende Darsteller die Hauptrollen. Die Choreografie, ihre Körper, deren Bildhaftigkeit durch die Strenge des Kameraausschnitts umso stärker betont wird, erzählen das, wofür der Film keine Worte braucht. Sie erzählen von einer anfänglichen Unschuld, vom kurzen Misstrauen, von Sucht und Trauer, und schließlich vom Auseinander- und alleine Weiterdriften - durch Orte, Zeiten und die eigenen Biografien, die am Ende wieder aufeinander zulaufen.

Immer wieder sind es Kinder, die der Schwere der Erwachsenenwelt etwas entgegen zu setzen haben, wie etwa in einem der vielen poetischen Bewegt-Gemälde des Filmes, in dem sich eine Schulklasse im Hallenbad kollektiv aus dem Bild schwimmt, um die Sicht auf einen Jungen im Rollstuhl am Beckenrand freizugeben. Oder das Bild der neugierigen Kinder, als Theres ihrem Sohn, dessen Existenz unvermittelt in den Film eingeführt wird, erzählt, dass es nun nach Berlin geht.

Nein, Angela Schanelec legt auch in diesem Film narrative Sinnzusammenhänge nicht ohne weiteres offen, sondern vertraut einmal mehr, hier aber wesentlich radikaler als sonst, auf ihre Bilder um die Geschichte zu erzählen, sofern es überhaupt um eine Geschichte im herkömmlichen Sinne gehen soll. Der elliptische Schnitt, überhaupt die Sprünge zwischen Zeiten, Städten und Lebenswegen lenken unsere Konzentration auf die beinah haptisch erfahrbare Dinglichkeit ihres filmischen Kosmos. Immer wieder spielen Nebensächlichkeiten in Nahaufnahme plötzlich die Hauptrolle: ein Geldbündel, eine Flasche Morphium, ein Volleyball aus Leder, ein Einkaufsnetz, und dann wieder Kenneths Schuh. "The Lion Sleeps Tonight" und "You & Me" von Disclosure bilden die einzige, minimale musikalische Begleitung. Zwischen beiden Liedern vergeht beinah eine Stunde.

Wenn man einen Film als kompromissloses Kunstwerk bezeichnen möchte, dann sicherlich diesen. Selten ist die Funktion derart selbstverständlich der Form gefolgt, und selten hat das Bild so selbstbewusst seine eigene Sprache gebildet, dass es nicht einmal die ganze Leinwand ausfüllen muss um voll und ganz zu betören.

Toby Ashraf

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Details

Deutschland 2016, 86 min
Genre: Drama
Regie: Angela Schanelec
Drehbuch: Angela Schanelec
Kamera: Reinhold Vorschneider
Schnitt: Maja Tennstedt, Angela Schanelec
Verleih: Piffl Medien
Darsteller: Maren Eggert, Miriam Horwitz, Miriam Jakob, Thorbjörn Björnsson, Phil Hayes
FSK: 12
Kinostart: 27.04.2017

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