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Denk ich an Deutschland in der Nacht

Wertegemeinschaft der Feiernden

Romuald Karmakar besucht fünf Techno-Produzent*innen - Sonja Moonear, Ricardo Villalobos, Ata, Roman Flügel und Move D - auf Konzerten und in ihren Klangräumen, die ihre Studios sein können oder ein Hügel in Heidelberg, und befragt sie nach ihrem Leben mit den frei fließenden Sounds.

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Der gleichmäßige, von der Bassdrum vorgegebene Rhythmus als Angebot an die Wertegemeinschaft der Feiernden, das DJing als Arbeit am kleinsten gemeinsamen Nenner: Wie bringt man diese ganzen Individualisten, die einsamen Abgrenzer und Einzelkämpfer heutzutage zusammen? 4-to-the floor, ist die Antwort der Protagonisten in DENK ICH AN DEUTSCHLAND IN DER NACHT, die Gemeinschaftsstiftung der vom Viervierteltakt in Bewegungen gesetzten Tanzflächen, im Englischen heißt letzterer auch „common time“, gemeinsame Zeit. Romuald Karmakar hat seinen vierten Techno-Dokumentarfilm gedreht und findet dort erneut ein großes Thema, das weit über persönliche Musikgeschmäcker hinausgeht.

Was da produziert wird, woraus sich das speist und was es im besten Fall anrichtet, erklären Sonja Moonear, Ricardo Villalobos, Ata, Roman Flügel und Move D, fünf Techno-Produzent*innen, die auf den deutschen Tanzflächen ein Begriff sind. Karmakar besucht sie in ihren Klangräumen, die ihre Studios sein können oder ein Hügel in Heidelberg, auf dem sich Sounds von Insekten, Verkehrsrauschen und Vogelgezwitscher überlagern. Wir sehen die Umwelten der Musik, Industrieorte, Waldlichtungen, Flussufer und Strände, an denen Clubs und Studios stehen. Orte, die auf den Einsatz der Bassdrum warten. Schließlich stellt sich die Kamera in den Clubs selbst auf, dokumentiert diesen seltsamen Bezug der im Rhythmus aufgehobenen Menge auf die Einzelperson hinter dem Mischpult, die Autorin, den Autor des Klangs, an Knöpfen drehend, minimale Fingergliedbewegungen ausführend. Die Einstellungen stehen lange genug, um die Feiernden einzeln zu beobachten, bis zum Moment, wo sie endlich die Arme hoch reißen. Oft hören wir nur die Kontrollspur der DJs, ihr Feinjustieren der kommenden Attraktionen, vor der Überblendung, während die Körper noch auf den Master-Kanal reagieren. Sounds sind eigentlich frei, sagt Villalobos zwischen riesigen Rechnertürmen und verschalteten Apparaturen in seinem Studio – die Herausforderung ist es, diese Freiheit zu kontrollieren.

Die Steuerung und Kontrolle der freien Sounds vermittelt der Film nicht als Defizit. Sonja Moonear bezieht Techno auf die Tradition des gemeinsamen religiösen Singens, eine soziale Erfahrung, die in nordischen Ländern fehle, weswegen sie dorthin andere Platten mitnimmt. Roman Flügel denkt über den Anschlag im Bataclan nach und über die Gefährdetheit der Clubs, in denen Menschen loslassen, Kontrolle aufgeben wollen und so zum einfachen Ziel für gezielte Gewalt werden. Zum ersten Mal hat er am Abend des Anschlags erlebt, dass die Menschen auf der Tanzfläche plötzlich den Rhythmus verlieren, stattdessen auf ihr Handy schauen, um Neuigkeiten zu erfahren. Es ist manchmal harte Arbeit, Gemeinschaft herzustellen.

Um Techno-Geschichtsschreibung geht es natürlich auch. Dass er sich in den Wende- und Nachwendejahren so spezifisch mit deutscher Geschichte verknüpft hat, dass er zum deutschen Exportschlager geworden ist, dass es trotz vieler einzelner Szenen einen „german sound“ gibt. Wenn Menschen auf dieser Welt nachts an Deutschland denken, liegt oft eine Bassdrum im 4/4-Takt darunter. Aber all das kann man auch als Spekulationen verstehen, als Blick auf den riesigen Teppich, den Ata gleich zu Beginn als Metapher für die elektronische Musik etabliert und dessen Farben und Muster aus der Nähe nicht zu erfassen sind.

Der Film von Karmakar webt am Teppich mit, in präzisen Einstellungen, die zu drei Vierteln immer von DJ-Arbeitsgeräten eingerahmt sind und doch auch immer eine Öffnung nach draußen haben. Im schönsten Bild zeigt die Kamera von Frank Griebe, wie achtlos irgendwo abgelegt, zunächst lange eine unscharfe Whiskeyflasche neben dem Mischpult, dahinter die tanzenden Menschen. Dann kommt, perfekt kadriert, der DJ ins Bild, dreht an Knöpfen, verschwindet am Bildrand, wird von Frauenhänden umfasst, und plötzlich springt die Nadel. Der Rhythmus ist verschoben, die „common time“ ausgerenkt. Villalobos hält beschwörend seine Hände über den Plattenspieler. Da passiert es nochmal. Freie Sounds, die sich der Kontrolle entziehen.

Jan Künemund

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Details

Deutschland 2017, 105 min
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Romuald Karmakar
Drehbuch: Romuald Karmakar
Kamera: Frank Griebe, Johannes Louis
Verleih: Rapid Eye Movies
FSK: oA
Kinostart: 11.05.2017

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Denk ich an Deutschland in der Nacht

Deutschland 2017 | Dokumentarfilm | R: Romuald Karmakar | FSK: oA

Romuald Karmakar besucht fünf Techno-Produzent*innen - Sonja Moonear, Ricardo Villalobos, Ata, Roman Flügel und Move D - auf Konzerten und in ihren Klangräumen, die ihre Studios sein können oder ein Hügel in Heidelberg, und befragt sie nach ihrem Leben mit den frei fließenden Sounds.

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