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Cemetery of Splendour

Elegische Kino-Poesie

Amitchapong Weerasethakuls CEMETERY OF SPLENDOUR ist ein elegisches Kino-Gedicht, das in einem Soldatenkrankenhaus spielt. Ein Medium nimmt Kontakt mit den Toten und Untoten auf, die Dynamik einer Kleinstadt, in der sich alles um die Kranken dreht, bestimmt den Rhythmus, bis die Ruhe aufbricht.

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Am Ende der Filmvorführung fragt Regisseur Apichatpong Weerasethakul sein Publikum, ob es wieder wach sei, und erntet dafür zwar wohlwollendes Lachen, aber auch ein höfliches Unverständnis, denn schließlich handelt es sich bei der Deutschlandpremiere von CEMETERY OF SPLENDOUR um eine eingeschworene Fangemeinde, die weiß was sie erwartet: lange, kontemplative und unbewegte Einstellungen, ein narratives Gerüst, das immer wieder zugunsten von atmosphärischen Momenten aufgegeben wird und sich nur langsam aufbaut, und vor allem: viel Kino-Poesie, die sich in aller Ruhe elegisch entfaltet.

Wir befinden uns wieder in Thailand, dem Herkunftsland des Regisseurs, in dem er diesen Film wohl vorerst nicht zeigen kann, und dessen politische Lage sich in den letzten Jahren durch eine Reihe von Putschen und dem zwischenzeitlichen Installieren einer Militärregierung dramatisch gewandelt hat. Zwischen den schönen tropischen Landschaften, der Magie einer buddhistisch beeinflussten Geisterpräsenz und den politischen Unruhen liegen also starke Widersprüche. Um diese Widersprüche ging es ihm, sagt Weerasethakul.
Gedreht in seiner Heimatstadt Khon Kaen blicken wir auf ein Stillleben von Soldatenkörpern. Geometrisch genau in Krankenbetten aufgereiht, fristen sie in halbwachem Zustand ein Leben zwischen Lethargie und Dauerschlaf, während wir im Publikum die warme Luft, die durch die geöffneten Fenster hineinzieht, förmlich spüren können. Über den Körpern der Soldaten ragen geschwungene Röhren empor, die sich nachts magisch verfärben und die Krankenstation in eines changierendes irreales Licht tauchen. Aufnahmen wie für eine Installation gemacht, unwirklich und bezwingend zugleich, typisch für die magischen Bilderwelten des Apichatpong Weerasethakul. Und doch ist sein neuester Film weit entfernt von früheren Werken wie bespielsweise UNCLE BOONMEE ERINNERT SICH AN SEINE FRÜHEREN LEBEN, in dem das Geisterhafte noch den Großteil der Erzählung bestimmte. Zwar gibt es auch hier ein Medium, das Kontakt zu den Toten und Untoten aufnimmt, aber in CEMETERY OF SPLENDOUR fallen vor allem die quasi-dokumentarischen Szenen auf, in denen die Soldaten massiert werden, die Sprechstunden der Patienten viel Raum bekommen oder eine Verkaufsagentin aus der Großstadt ihre Schönheitsprodukte bewirbt.

All das ist von einer Zärtlichkeit der Beobachtung getragen und von einem leisen Witz, der sich immer wieder im Gesicht und der Körpersprache der Hauptdarstellerin Jenjira Pongpas ausdrückt. Pongpas, die in fast allen Filmen Weerasethakuls auftaucht, ist keine gelernte Schauspielerin und hatte zudem nach ihrer Rolle in BLISSFULLY YOURS einen Unfall, der ihr rechtes Bein lähmte. Ihre Körperlichkeit und ihr Spiel, bestimmt durch das Gehen auf Krücken, aber auch immer wieder durch Momente des Essens, Ruhens oder den körperlichen oder geistigen Austausch mit anderen Figuren, bewegt sich in einer faszinierenden Schwebe zwischen verschmitzter Ironie, zärtlicher, beinahe erotischer Verbindlichkeit zu anderen und einer eigenwilligen Unergründlichkeit im Handeln.

Der Ärztesohn Weerasethakul geht hier an die Orte seiner Kindheit zurück und verknüpft sie mit den Metaphern des Stillstands der Gegenwart. Kein Road Movie diesmal, keine Seelenwanderung und wenig neue Schauplätze. Nach einiger Zeit meinen wir dieses Khon Kaen daher selbst ganz gut zu kennen - eine Kleinstadt, dessen Dynamiken vom Klima beeinflusst sind, bevölkert von Menschen, deren Tagesablauf von der Krankheit und der Tatenlosigkeit anderer bestimmt wird. Am Ende bricht diese Ruhe dann wie ein Befreiungsschlag kurz auf.

Weerasethakuls Filme eindeutig beschreiben zu wollen macht wenig Sinn, beruft sich der Regisseur bei allen politischen, gesellschaftlichen oder autobiographischen Parallelen doch immer wieder auf seine eigenen Träume. Und wenn er dann nach der Aufführung fragt, ob man aufgewacht sei, bekommt dies eine vollkommen neue Bedeutung. Denn tatsächlich glaubt man sich, solange das Licht nur auf der Leinwand zu sehen ist, in einem Traum - ein Traum, aus dem man ungern aufwacht.

Toby Ashraf

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Details

Originaltitel: Rak ti Khon Kaen
Deutschland, Großbritannien, Thailand, Malaysia 2015, 122 min
Genre: Drama
Regie: Apichatpong Weerasethakul
Drehbuch: Apichatpong Weerasethakul
Kamera: Diego Garcia
Schnitt: Lee Chatametikool
Verleih: Rapid Eye Movies
Darsteller: Banlop Lomnoi, Jenjira Pongpas, Jarinpattra Rueangram
FSK: oA
Kinostart: 14.01.2016

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